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Ein Akt grober Dreistigkeit

Großbritannien Ein Akt grober Dreistigkeit

Der angenommene Vorsprung der Tories vor Jeremy Corbyns Labour-Partei war in den letzten Tagen vor der britischen Unterhaus-Wahl zusammengeschmolzen, doch ein derartiges Debakel für Theresa Mays Konservative hatte wohl kaum jemand prognostiziert.

Jetzt steht Großbritannien vor einem Scherbenhaufen, der so groß ist, dass niemand so recht weiß, wo zuerst repariert werden muss. Eine Regierung muss her, so viel steht fest, denn ohne Regierung lässt sich weder das Land verwalten noch wären geordnete Brexit-Verhandlungen mit Brüssel möglich. Für beide Sackgassen, in die sich die Briten haben hineinlotsen lassen, trägt die Regierungschefin die Verantwortung - May wollte die Neuwahlen in der irrigen Annahme, ihre Positionen und mithin auch das Eintreten für einen „harten“ Brexit festigen zu können. Und May brachte den EU-Austritt offiziell in Gang, anstatt zunächst den Ausgang der Wahlen abzuwarten. Vor diesem Hintergrund darauf zu pochen, sich auch weiterhin ihre Post in die Downing Street schicken lassen zu wollen, ist ein Akt grober Dreistigkeit, gegen den sich der von Labour-Chef Corbyn ebenfalls geäußerte Anspruch auf Regierungsverantwortung wie ein blasser Pflichtreflex ausnimmt.

Durch die Trümmer der politischen Selbstzerlegung blitzt indes - für die EU wie für die Briten - ein kleiner Hoffnungsschimmer: Es ist denkbar, dass eine angeschlagene Theresa May im Scheidungskrieg mit Brüssel von ihren Maximalforderungen und Extrempositionen abrückt und am Ende ein eher „weicher“ Brexit steht. Doch dafür muss sie erst einmal das Kunststück vollbringen, eine arbeitsfähige Regierung zu bilden.

von Carsten Beckmann

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