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Türkei Ehrlich analysieren

Nun haben sie also "alles falsch" gemacht, "die Türken" in Deutschland. 63 Prozent derer, die bei uns am Referendum teilgenommen haben, haben sich für Erdogan und seinen Weg zum Alleinherrscher der Türkei entschieden.

Das ist verstörend für uns, weil die „Ja“-Sager damit - aus einem freien Land heraus - dem Präsidenten eines anderen Landes quasi einen Freibrief geben, bürgerliche Freiheiten einzuschränken, Oppositionelle ins Gefängnis zu werfen und möglicherweise bald hinrichten zu lassen, ohne dass die dort angewendeten Verfahren unseren Maßstäben von Rechtsstaatlichkeit genügen müssten.

So weit, so schlecht. Doch auch im Zeitalter der Vereinfachung fährt man besser, wenn man sich nicht an Vorurteile klammert und einem vielleicht schon lange gepflegten Argwohn freien Lauf lässt, sondern Fakten sammelt und dann bewertet - auch wenn gerade das dann keine so eindeutigen Schlüsse mehr zulässt. Das beginnt bei der Einordnung des Ergebnisses: 63 Prozent sind bei einer Wahlbeteiligung von etwa 50 Prozent gut 31 Prozent der Wahlberechtigten. Nicht einmal die Hälfte aller Türken und Türkischstämmigen in Deutschland aber war wahlberechtigt, somit reduziert sich die Zahl der „Ja“-Sager in unserer Gesellschaft auf 15 Prozent.

Danach wird es schon schwierig, allgemeingültige Antworten auf berechtigte Fragen zu bekommen. Warum haben so viele Wahlberechtigte trotz der enormen Bedeutung des Referendums nicht teilgenommen? Gab es im Nein-Lager Befürchtungen, dass sich das eigene Votum nachteilig auf einen persönlich oder auf die Familie in der Heimat auswirken könnte? Gab es Zweifel am Wahlgeheimnis, Ängste vor Spitzeln (wie in mancher Moschee) oder Vorbehalte, im Konsulat, auf türkischem Staatsgebiet, abstimmen und seinen Pass vorzeigen zu müssen?

Und bei den „Ja“-Sagern? Der Wunsch nach einem „starken Anführer“ ist keine türkische Spezialität, wie sich an Erfolgen anderer Populisten wie Trump, Orbán oder Putin zeigt. Bei Erdogan kommen politische und wirtschaftliche Erfolge aus seiner Zeit als Ministerpräsident hinzu, die niemand bestreitet. Und wie stark verfängt die Masche Erdogans, sich als gütiger Landesvater aller Türken in der Welt darzustellen? Als einer, der sich auch um die sorgt, die sich in den westlichen Gesellschaften als nicht wirklich gemocht empfinden? Dass dies in Teilen der türkischen Diaspora so gesehen wird, ist unstrittig. Wieso es so ist und wie man das ändern kann, bedarf dringend einer ehrlichen Diskussion durch jeweilige Annäherung an „die anderen“. Jetzt „Deutsche Türken“ über einen Kamm zu scheren, „Ja“-Sager für doof, rückständig oder undankbar zu erklären, hilft keinem - außer Recep Erdogan.

von Michael Agricola

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