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Doch nicht so einfach

Brexit Doch nicht so einfach

Keiner ist unnütz, er kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen. Das gilt auch für Großbritannien. Es ist durch die Volksentscheidung zum Austritt aus der Europäischen Union zum Lehrbeispiel dafür geworden, warum man Populisten nicht trauen sollte.

Das Prinzip des Populismus lässt sich in einem Satz zusammenfassen: „Ist doch ganz einfach.“ Menschen, die so etwas sagen, spielen häufig mit falschen Karten. Denn ganz einfach sind die Dinge nur, solange man anderen Vorschläge macht, statt selbst zu handeln. Bittet man einen vermeintlich allwissenden Freund oder Kollegen, sich des Problems selbst anzunehmen, lehnt er meist dankend ab. Sonst müsste er womöglich zugeben, dass die Umsetzung doch nicht so einfach ist.

Genau das passiert nun in Großbritannien. Brexit-Befürworter wie Londons Ex-Bürgermeister Boris Johnson und Nigel Farage, Chef der rechtspopulistischen Ukip, hatten den Briten eine großartige Zukunft vorgegaukelt. Wäre der Austritt aus der EU wirklich die Lösung aller Probleme, sie müssten wild entschlossen sein, in diesem goldenen Zeitalter ihre Visionen verwirklichen zu können. Johnson hätte nun beste Chancen auf das Amt des Premierministers. Und Farage könnte für seine Splitterpartei Ukip neue Ziele ins Auge fassen. Stattdessen verlassen beide das sinkende Schiff der britischen Politik.

Mit dem Brexit-Votum habe er sein Ziel erreicht, behauptet Farage. In Wahrheit ist überhaupt nichts erreicht. Die Politik steht vor der großen Schwierigkeit, den Ausstieg umzusetzen. Die Folgen für die britische Wirtschaft - und damit für Arbeitnehmer und Staatshaushalt - könnten verheerend werden. Farage, Johnson und Co. haben dafür keinen Fahrplan. Sie waren gegen die EU, weil es leicht ist, dagegen zu sein. Politische Visionen hatten sie keine.

Noch haben auch auf dem europäischen Festland diejenigen Oberwasser, die für einfache Lösungen plädieren - für Nationalismus, Abschottung und Unmenschlichkeit. Doch ausgerechnet der Brexit könnte ein Wendepunkt sein. Indem die Wähler im Königreich den Populisten auf den Leim gegangen sind, werden sie diese paradoxerweise entlarven. Der EU-Austritt der Insel, so heikel und nervenaufreibend er ist, wird langfristig vielen Europäern zeigen, wie wichtig die Union ist.

von Stefan Dietrich

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