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Die letztenSchranken

Syrien Die letztenSchranken

Im Vorfeld des G20-Treffens ist für nächste Woche ein bemerkenswertes Ereignis geplant. Auf dem Weg nach St. Petersburg legt Barack Obama einen Zwischenstopp in Schweden ein.

Der US-Präsident macht dem Land seine Aufwartung, das gemeinsam mit Norwegen alljährlich die Nobelpreise vergibt, den Vereinten Nationen besonders verbunden ist und sich seit Jahrzehnten in Friedensmissionen engagiert. Doch die Zeit, in der die Schweden so große Hoffnungen in den Gast aus Washington setzten, scheint lange zurückzuliegen.

Auf Befehl des „Commanders in Chief“ kreuzen vier US-Zerstörer im östlichen Mittelmeer, die alles für einen Angriff auf Damaskus vorbereitet haben. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die Hölle losbricht.

Das Drama, das sich im Nahen Osten abspielt, lässt sich aber auch aus einer anderen Perspektive beschreiben. Baschar al-Assad ist offenbar zu allem bereit, um sich und seinen Clan an der Macht zu halten. Als er vor einem Jahr von Obama die Warnung erhielt, dass der Gebrauch von Massenvernichtungswaffen eine rote Linie darstellt, zeigte er sich unbeeindruckt. Es spricht einiges dafür, dass er sein Arsenal an Nervengas seit diesem Frühjahr - zumindest für kleine Mengen - öffnen ließ.

Der Chef im fernen Washington mag zwar ein Meister der Rhetorik sein, doch Respekt genießt er weder bei dem Diktator in Damaskus, noch bei den Mullahs in Teheran oder bei den Generälen in Kairo. Der internationalen Staatengemeinschaft geben diese Herrscher einen Vorgeschmack auf eine Welt ohne Supermacht. Sie scheren sich weder um den Atomwaffensperrvertrag noch um das Verbot zum Einsatz chemischer Massenvernichtungswaffen.

Tatsächlich wollte sich Obama von Beginn an von dem Kriegskurs seines Vorgängers George W. Bush absetzen. Kooperation statt Konfrontation lautete seine Leitlinie. Seine Politik der ausgestreckten Hand gegenüber der arabischen Welt, die er 2009 in seiner Rede in Kairo ankündigte, wurde allerdings in einigen Regionen missverstanden. Der Versuch eines friedlichen Miteinanders galt in Damaskus offenbar als Zeichen der Schwäche.

Gegen diese Tendenzen eine „rote Linie“ zu definieren, war ein geradezu letzter Versuch, angesichts des grauenhaften Bürgerkriegs zumindest ein Mindestmaß an Verbindlichkeit herzustellen. Dass auch diese letzte Grenze vom Assad-Regime durchbrochen wurde, stellt den US-Präsidenten vor ein schreckliches Dilemma: Erteilt er den Angriffsbefehl, besteht die Gefahr einer Kettenreaktion. Lässt Obama aber Assad mit seinen verbrecherischen Giftgasangriffen gewähren, fallen die letzten Schranken, an denen sich die Diktatoren dieser Welt bisher orientieren müssen.

von Stefan Koch

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