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Die Zeiten sind zu interessant

Nordkorea Die Zeiten sind zu interessant

Inzwischen muss man den demokratisch gewählten US-Präsidenten Donald Trump genauso fürchten wie den nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un. Das zeigt auch die Reaktion der Bundesregierung auf Trumps Drohungen.

„Mögen Sie in interessanten Zeiten leben“ - so lautet der Überlieferung zufolge ein alter chinesischer Fluch. Für uns scheint er sich zu erfüllen. Nach Jahren internationaler Entspannung und Abrüstung steht die Welt wieder am Rande eines Atomkrieges. Anders als im Kalten Krieg weiß diesmal auch die Bundesregierung nicht, wen sie für gut und böse halten soll.

Zwei Staatsmänner mit exzentrischen Frisuren drohen sich mit Krieg. Kim Jong Un, ein skrupelloser Diktator, der sein Volk verhungern und seinen Halbbruder ermorden lässt, bastelt an Atomwaffen. Donald Trump, ein demokratisch gewählter Präsident, kündigt ihren Einsatz an: „Ihnen wird mit Feuer, Wut und Macht begegnet werden, wie es die Welt so noch niemals zuvor gesehen hat“, warnt er die Nordkoreaner. Davor muss man Angst haben, nicht nur als Koreaner. Trump ist Oberbefehlshaber einer Atommacht. Er hat alle Mittel, seine Drohung umzusetzen.

Bundesaußenminister Sigmar Gabriel warnt, „dass wir ähnlich wie im Ersten Weltkrieg schlafwandlerisch in einen Krieg hineinmarschieren, bloß eben in diesem Fall in einen Krieg, der im Zweifel mit Atomwaffen geführt wird“. So deutlich hat sich die deutsche Politik niemals vom Nato-Verbündeten USA distanziert, nicht einmal in der Ära von George W. Bush. Sie hätte früher die Mahnung an die USA zumindest durch noch schärfere Kritik am nordkoreanischen Regime relativiert. Aber wir leben in derart interessanten Zeiten, dass man den demokratisch gewählten Präsidenten in Washington genauso fürchten muss wie den Schurken in Pjöngjang.

Man darf Trumps Drohung nicht als Plan B missverstehen. Er hat keinen Plan A, seine Regierung hat keine Korea-Strategie. Einen friedlichen Lösungsansatz - wie eine Annäherung der koreanischen Staaten mit chinesischer Unterstützung - verfolgt Trump überhaupt nicht. Er steuert mit voller Fahrt auf einen Krieg zu.

Viele Experten glauben zwar, Trump werde so weit doch nicht gehen. Ein Krieg mit Nordkorea wäre unüberlegt, gefährlich, ja irrsinnig. In der US-Regierung gebe es genug Menschen, die das wissen. Hoffentlich behalten diesmal die Optimisten Recht - bisher haben sie sich immer geirrt: Sie glaubten nicht, dass Trump überhaupt Kandidat würde, geschweige denn Präsident. Sie glaubten, er würde sich im Weißen Haus mäßigen, würde das internationale Klimaabkommen nicht kündigen und auf den Einreisebann verzichten.

Aber Trump hat bisher nie eingelenkt und sich nie überzeugen lassen. Vielleicht betrachtet er einen Krieg sogar als Chance, seine innenpolitischen Probleme abzuschütteln. Das Leben in der Ära Trump ist so interessant, dass es lebensgefährlich wird.

von Stefan Dietrich

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