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Die Welt macht sich mitschuldig

Syrien Die Welt macht sich mitschuldig

Vor den Augen der Weltöffentlichkeit geschieht ein unfassbares Verbrechen. In Aleppo kämpft die syrische Armee, unterstützt von der russischen Luftwaffe, gegen Rebellengruppen. Die Kämpfe treffen vor allem Zivilisten, die Bomben fallen auch auf Flüchtlingslager, töten und verletzen auch kleine Kinder.

Die Versorgungslage zehntausender Zivilisten ist katastrophal. Unbestätigte Berichte legen den Schluss nahe, dass beide Seiten in diesem Konflikt vor international geächteten Mitteln wie dem Einsatz von Giftstoffen und Massakern nicht zurückschrecken.

Die Weltgemeinschaft sieht zu. Russland, die Europäische Union und die Vereinigten Staaten machen sich mitschuldig - teils durch Unterlassung, teils durch Unterstützung für die Kämpfer. Wladimir Putin nutzt auf zynische Weise die Möglichkeit, den syrischen Machthaber Baschar al-Assad zu seinem Gefolgsmann zu machen. Barack Obama ist kurz vor Ende seiner Präsidentschaft zur lahmen Ente geworden. Allerdings hat seine Regierung sich klar auf die Seite der Rebellen gestellt - trotz der Verbrechen, die auch von einigen Rebellengruppen begangen werden. Die Europäer haben ihr Interesse an Syrien nahezu verloren, seit der zweifelhafte Pakt mit der Türkei und die Zäune auf dem Balkan den Zug der Flüchtlinge aufhalten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel ignoriert das Thema Aleppo, Bundesaußenminister Frank Walter Steinmeier forderte immerhin eine „sofortige humanitäre Waffenruhe“ - müsste aber wissen, dass ein Interview mit der „Bild“-Zeitung keinen Konflikt löst. Und wir Bürger? Wir haben resigniert und verschließen die Augen vor den schrecklichen Kriegsbildern. Wo bleiben die Massendemonstrationen gegen den Krieg und die europäische Mitschuld durch Waffenexporte? Solange in unserer Nachbarschaft kein Flüchtlingsheim gebaut wird, geben wir uns der Illusion hin, es gehe uns alles nicht an und wir könnten ohnehin nichts tun.

Die Weltgemeinschaft muss aber etwas tun gegen diese himmelschreienden Verbrechen in Aleppo und anderen Städten. Erstens, weil es die Menschlichkeit gebietet. Zweitens, um die Fluchtkatastrophe zu beenden. Drittens aber auch, weil Russland und der Westen selbst den Schaden haben, wenn sich Regimetruppen und Rebellen gegenseitig umbringen, statt die IS-Miliz zu bekämpfen.

Für Europa und die USA bedeutet das, dass sie über ihren Schatten springen müssen. Eine Waffenruhe zwischen Regime und Rebellen kann es nur unter zwei Voraussetzungen geben. Erstens müssen die Rebellen zu Zugeständnissen bereit sein - dazu muss der Westen sie drängen. Zweitens muss Russland Druck auf Assad ausüben - dazu wird man Putin eine Gegenleistung anbieten müssen.

von Stefan Dietrich

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