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Die Tragödie heißt schlicht Armut

Griechenland Die Tragödie heißt schlicht Armut

Die gescheiterte Wahl des griechischen Präsidenten durch das Parlament löst vorhersehbare und überzogene Reaktionen in Deutschland aus.

Droht eine griechische Tragödie, ein erneuter Absturz in die Euro-Krise, ein politisches Erdbeben?, lauten die Fragen. In erster Linie ist der Ausgang der Wahl ein herber Rückschlag für den amtierenden Premierminister Antonis Samaras von der konservativen „Nea Dimokratia“. Sein Rückhalt im Land wackelte von Anfang an. Vorgezogene Neuwahlen, wie sie nun am 25. Januar anstehen, sind in der griechischen Politik keine Seltenheit - im Gegenteil. Daher kann dies allein kein Grund zur Panik sein.

Antonis Tsipras, ein junger, rhetorisch talentierter Politiker, könnte mit seinem Links-Bündnis „Syriza“ nun erstmals an die Macht kommen - er liegt Umfragen zufolge seit Monaten vorne. Allerdings schwindet jüngst sein Vorsprung. Der Wahlkampf wird also spannend - heftig ist er in Hellas immer. Die Machthaber kämpfen um ihre politischen Pfründe. Ein möglicher Links-Ruck ist aber noch kein Anlass, den Untergang herbeizureden. Jede Regierung müsste und würde mit der EU zusammenarbeiten und sich den bitteren finanzpolitischen Realitäten stellen müssen. Ein politischer Neuanfang funktioniert nicht ohne Reformen. Die Bürger müssen sie aber auch stemmen können.

Obwohl sich schon länger abzeichnete, dass die Regierung in Athen abgestraft wird, sackten die Aktien an europäischen Börsen gestern mächtig ab. Die Finanzmärkte sind unruhig, nur weil in Athen das passiert ist, womit fast alle rechneten. Sollte der Wahlausgang in einer Demokratie auch uns Bürger erschrecken?

Fakt ist, das kleine Mittelmeerland ist ohnehin quasi pleite. Es erstickt in seinen Zinszahlungen und Sparbemühungen. Zwar wuchs im dritten Quartal die Wirtschaft leicht, der Konsum stieg an, und das Land hatte mehr Einnahmen als Ausgaben, ohne erneut Schulden aufnehmen zu müssen. Der Tourismus florierte. Doch Tatsache ist auch, zehntausende teils gut ausgebildete Menschen stehen täglich an den Suppenküchen Schlange. Jeder Dritte ist offiziell arbeitslos. Nimmt man die Selbstständigen, die keine Aufträge haben, hinzu, sind es noch mehr Griechen, die in Armut leben. Jeder zweite unter 25 Jahren hat kein Einkommen. All diese Menschen haben in keine Regierung mehr Vertrauen. Sie sind depressiv oder wütend, haben nichts mehr zu verlieren - eine gefährliche Mischung. Sozial motivierte Unruhen wären für ganz Europa übel.

Das sollte uns viel mehr ­erschrecken als die turbulenten Reaktionen der Finanzmärkte. Statt Unkenrufen wäre eine sensiblere Wortwahl aus Brüssel oder Berlin das richtige Zeichen an die Wähler im Süden Europas.

von Anna Ntemiris

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