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Die Rente muss flexibel werden

Fachkräftemangel Die Rente muss flexibel werden

Freiwillig arbeiten jenseits der 65? Politiker haben das für sich längst entschieden. Steinbrück, Schäuble, Seehofer, Kretschmann, Gysi, Gauland oder Gauck - Senioren im politischen Betrieb können es nicht lassen.

Schon immer war es absurd, der Gesellschaft eine sture Allgemeingültigkeit beim Schritt in den Ruhestand vorschreiben zu wollen. Wenn sich die Politiker an ihrem eigenen Verhalten orientiert hätten, so wäre nie der Eindruck entstanden, eine unflexible Renteneinstiegszeit könnte einer sozialen und freiheitlichen Gesellschaft angemessen sein. Aber erst die Kombination aus sinkenden Beitragsprognosen und aus einem millionen­fachen Facharbeitermangel lässt nun eine unverkrampftere Sicht auf den Übergang zwischen Vollzeitberuf und Arbeitsaltersteilzeit zu. Nur so wird auch aus dem teuren, symbolischen Schritt zurück zur abschlagsfreien Rente ab 63 der großen Koalition eine halbwegs stimmige Perspek­tive. Auch für ganz normale Arbeitnehmer sollte selbst­verständlich sein können, gefördert auch durch Anreize, was die Herren Gauck oder Schäuble wie selbstverständlich für sich beanspruchen.

Drohende Altersarmut ist, bei halbwegs regulärem Lebenswandel, für die politischen Langzeit-Arbeiter kein Problem. Im realen Leben geht es für Rentner oft weit weniger gefällig zu. Beinahe jeder zweite Ruheständler muss mit seiner Rente um die Grundsicherung kämpfen, hunderttausende brauchen Minijobs oder reguläre Arbeit, um ohne Altersarmut über die Runden zu kommen. Oft hat das System der Altersvorsorge versagt; nicht wenige von ihnen müssen deshalb malochen, so lange es irgendwie geht. Ihnen hat auch die mit viel Getöse inszenierte kleine Renten-Rückwärtsrolle ab 63 Jahren nichts gebracht.

Leider beruhen die Rentenreformen der letzten Jahre permanent aus einander überlagernden Botschaften: Beiträge gehen mal rauf, mal runter; mal sind Minijobs top, mal ein Flop; mal ereifern sich Sozialstaatsideologen an der Schallgrenze 63 und dann am 67. Lebensjahr.

Nicht die notwendige Flexibilität des Systems ist dabei das entscheidende Problem, sondern der Eindruck, es gehe beliebig bei den Neuregelungen dazu. Das kann man der begrüßenswerten Initiative zu mehr Beweglichkeit beim Renteneinstieg aber gerade nicht vorwerfen. In 139 Berufen fehlen in 15 Jahren über zwei Millionen Fachkräfte. Man muss schon sehr vernagelt sein, um daraus keine naheliegende Schlussfolgerung zu ziehen. Ein freiwilliger Ruhestandsverzicht muss leichter und attraktiver werden für diejenigen, die länger arbeiten wollen. Entsprechende Anreize sind aber nicht nur Sache des Staates, sie müssen auch in den Betrieben erfolgen.

von Dieter Wonka

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