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Die Rechnung kommt später

Bundespräsident Die Rechnung kommt später

"Steinmeier for President - warum nicht gleich so?", will man der Großen Koalition in Berlin zurufen. Das wochenlange Hickhack und ermüdende Debatten um angebliche weitere Kandidaten wären uns erspart geblieben - und wieder einmal das unselige Schauspiel, wie ungeniert die beiden großen Parteiblöcke auch um das höchste Staatsamt schachern.

Dabei war Frank-Walter Steinmeier von Anfang an der Kandidat, der CDU, CSU und der SPD den größten gemeinsamen Nutzen versprach. Auf Neudeutsch also eine Win-win-Situation. Die Kanzlerin ist damit den einzigen SPD-Mann los, der ihr in Sachen Popularität hätte gefährlich werden können. Der SPD-Chef und mutmaßlicher Kanzlerkandidat Sigmar Gabriel auch - nur, dass Gabriel im Ansehen der Wähler weit hinter dem derzeitigen Außenminister liegt.

Die SPD selbst kann sich freuen, dass sie zwölf Jahre nach dem Ende der Amtszeit von Johannes Rau - und überhaupt erst zum dritten Mal - den Bundespräsidenten stellen darf. Da selbst in der Partei kaum jemand ernsthaft daran glaubt, mit Gabriel die Bundestagswahl gewinnen zu können, kann sich die SPD damit auch gleich über die nächste Enttäuschung hinwegtrösten.

Die Christsozialen können sich ihrerseits entspannt zurücklehnen - weil sie nun keinen „Grünen“ mittragen müssen, was aus bundestagswahltaktischen Erwägungen für die Union ja durchaus Sinn ergeben hätte.

Am Ende hat sich Gabriels riskanter Schachzug ausgezahlt, seinen Parteifreund so frühzeitig ins Kandidaten-Rampenlicht geschubst zu haben. Denn auch der Kanzlerin fehlte schließlich ein überzeugender Vorschlag aus den eigenen Reihen, nachdem sich selbst Norbert Lammert zierte. Der Ausgang des Präsidentenpokers ist also auf den ersten Blick ein Erfolg, den Gabriel gut gebrauchen kann. Doch ohne Gegenleistung werden CDU und CSU diesem Deal auch nicht zugestimmt haben, da kann man sicher sein. Mal sehen, wann diese Rechnung auf den Tisch kommt. Und wer sie bezahlen muss.

von Michael Agricola

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