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Die Hoffnung auf ein Wunder

Nahost-Friedensprozess Die Hoffnung auf ein Wunder

Der Nahost-Konflikt und die deutsche Wiedervereinigung: Der historische Vergleich von Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier ist gewagt.

Denn während 1990 aus zwei deutschen Staaten einer wurde, ist die favorisierte Lösung im Konflikt zwischen Israel und Palästinensern genau umgekehrt: Aus einem Staat sollen zwei werden. Ganz so absurd, wie Bouffiers Vergleich zunächst erscheint, ist er aber nicht. Hessens Ministerpräsident wollte im Kern sagen: Man darf die Hoffnung nicht aufgeben, dass scheinbar Unmögliches Wirklichkeit werden kann.

Bis kurz vor dem Mauerfall hielten viele die deutsche Teilung für unüberwindlich. Ähnlich aussichtslos erscheint derzeit die Lage im Nahen Osten: Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hat das Friedensabkommen von Oslo aufgekündigt. Israels Regierung nährt mit Zugangsverboten den fatalen Eindruck, sie wolle die Muslime vom Tempelberg verbannen. Palästinensische Gewalttäter attackieren Israelis, die radikalislamische Hamas ruft zum Volksaufstand, Israel reagiert mit Härte. Tausende israelische Bürger beantragen nun Waffenscheine. Waffen lösen keine Konflikte; doch auch wenn man diese Reaktion nicht gutheißt, sie ist nachvollziehbar. Denn die Hoffnung auf Frieden ist verdorrt.

Dennoch hat Bouffier Recht, wenn er dazu rät, an Wunder zu glauben. Denn ein Friedensschluss würde beiden Seiten große Vorteile bringen. Die US-Denkfabrik Rand Corporation hat kürzlich errechnet, dass eine Zwei-Staaten-Lösung sowohl Israel als auch Palästina Milliardengewinne bescheren würde. Vor allem aber könnten Millionen Menschen - unter ihnen viele Kinder - nachts wieder ruhig schlafen, ohne jederzeit mit Anschlägen und Militärangriffen rechnen zu müssen. Für diesen Gewinn würden sich auch große Zugeständnisse an die andere Seite lohnen.

Die deutsche Einheit zeigt allerdings: Vermeintliche Wunder geschehen nicht über Nacht, sondern durch jahrzehntelange Annäherung. Dass den meisten Politikern im Nahen Osten der Mut für einen so langwierigen Prozess fehlt, ist verständlich. Sie brauchten darum dringend internationale Starthilfe. Die derzeitige Eskalation ist auch darauf zurückzuführen, dass sich die USA als wichtigster internationaler Vermittler zurückgezogen haben. Friedensnobelpreisträger Barack Obama hat versagt - nicht nur, aber auch im Nahen Osten.

von Stefan Dietrich

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