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Deutsche Drückebergerei

Ebola Deutsche Drückebergerei

Es ist einfach gut zu wissen, dass es Aktivisten gibt, die sich dem Schutz der Menschenrechte verschreiben, die mutig zur internationalen Verantwortung stehen und deren freiwilliges Engagement in der Nothilfe beeindruckt.

US-Präsident Barack Obama rüttelte jetzt die Staatengemeinschaft mit seinem konkreten Solidaritätspaket im Kampf gegen Ebola auf. Die Frauen und Männer von „Ärzte ohne Grenzen“ leisten seit März aufopferungsvolle Arbeit im afrikanischen Ebola-Gürtel. Sie haben jetzt schon viermal so viel Hilfe in Planung, wie die beschämend spät aufgestockte Entwicklungshilfe für die Region der Tragödien in Westafrika umfasst. Der UN-Sicherheitsrat bekennt sich in einer existenziellen Frage zu einem aufrüttelnden Mandat. Und das politische Deutschland? Man schläft bis fünf nach zwölf.

Seit Jahresanfang wird vehement über mehr internationale Verantwortung geredet, es fallen Tabus bei Waffenlieferungen, Diplomaten rasen hierhin und dorthin. Fast immer ging es um Wichtigeres als ums Überleben in Afrika. Dieses Deutschland hat zu lang, zu bequem, zu desinteressiert und von der Tribüne her die Ebola-Apokalypse beobachtet. Nichts ist von einer Telefon-Kette mit der Bundeskanzlerin bekannt. Ursula von der Leyen war beschäftigt mit allerlei militärischen Planspielen, sie redete auch über Afrika. Aber es wurde nichts geplant, um militärische Organisationsstrukturen für humanitäre Hilfe vorzubereiten. Wer hören wollte wusste, dass sich die Staatlichkeit in Liberia, in Sierra Leone, in Guinea unaufhaltsam auflöst.

Joachim Gauck widersprach eindrucksvoll auf der Münchner Sicherheitskonferenz der These, die Bundesrepublik verhalte sich wie ein Drückeberger. Er forderte forsches Handeln ein. Aber leider scheint bei vielen Beteiligten das Nachdenken im Stahlhelm oder im Patronengurt stecken zu bleiben. Die ärztlichen Nothelfer haben spätestens im Juni den Notstand ausgerufen. Bis heute gibt es von der deutschen Politik nicht sehr viel mehr als halbe Angebote zur zukünftigen Planung von Hilfe.

Wo ist die aufrüttelnde Rede des Bundespräsidenten? Wo ist die TV-Ansprache der Bundeskanzlerin an die Bürger? Wo ist der Appell an die Forschungsfantasie der deutschen Pharmaindustrie? Wo bleibt die Solidaritätsleistung der großen Ölfirmen, die seit vielen Jahren ihre Milliardenprofite aus Afrika abschöpfen? Wo ist der Spendenbeitrag der europäischen Banken, die ihren Gewinn mit den Milliarden afrikanischer Despoten machen? „Die Bundesrepublik sollte sich als guter Partner früher, entschiedener und substanzieller einbringen“, forderte Gauck in München. Nichts beherrschen Politik und Wirtschaft so gut wie das Weghören.

von Dieter Wonka

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