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Der besiegte Riese Piëch

Volkswagen Der besiegte Riese Piëch

Hochmut kommt vor dem Fall: Auf diese Binsenweisheit kann man als Außenstehender den Rückzug von Firmenpatriarch Ferdinand Piëch aus dem Volkswagen-Aufsichtsrat reduzieren.

Weil Piëch nie offen geäußert hat, was ihm an Konzernchef Martin Winterkorn missfällt, bleibt es für die Öffentlichkeit eine Fehde zwischen zwei alten Männern.

Piëch übernimmt in der Geschichte eine Rolle, die das Publikum von alters her liebt. Er ist der Riese, der sich für unbesiegbar hält und gerade deshalb vernichtend geschlagen wird. Mal spielt sie ein Spitzenpolitiker, der sich selbst ins Aus manövriert, mal ein Fernsehstar, der vor Gericht gestellt wird, mal ein Fußballfunktionär, der ins Gefängnis muss. Nun also Piëch. Beim Normalbürger, der den Helden bis dato mit Respekt oder Neid betrachtet hatte, löst dessen plötzlicher Fall wohliges Schaudern aus. Dass auch die scheinbar Unantastbaren scheitern können, ist erschreckend und beruhigend zugleich. Die Moral der Geschichte ist das aber nicht - dazu ist es zu banal. Vorhang zu und alle Fragen offen?

Nicht ganz. Auch wenn wir nicht wissen, was hinter den Kulissen passiert ist - eines lehrt der Fall Piëch. Der bisherige VW-Aufsichtsratschef glaubte offenbar ernsthaft, er könne mit einer Handbewegung über das Schicksal eines Konzernchefs entscheiden, wie einst die römischen Kaiser über das Leben der Gladiatoren. Wer so agiert, wer sich selbst mit dem Unternehmen verwechselt, der muss offenbar über Jahre in einem Umfeld gearbeitet haben, in dem niemand zu widersprechen wagte. Wie aber soll jemand, der selbst nicht kritik- und reflexionsfähig ist, wirksam Kontrolle ausüben?

Die hausgemachten Probleme im zweitgrößten Autokonzern der Welt verwundern daher nicht. Solange ein starker Vorstandschef den Rückhalt des übermächtigen Patriarchen hatte, waren die Entscheidungen der beiden quasi sakrosankt. Bis Winterkorn, aus welchen Gründen auch immer, in Ungnade fiel.

Piëchs Abgang wirft somit ein Schlaglicht auf die Machtstrukturen in Großkonzernen - selbst in einem, in dem Staat und Arbeitnehmer großen Einfluss haben. Die Frage, ob Aufsichtsräte wirksam kontrollieren können, wenn ihre Mitglieder entweder ehemalige Konzernchefs sind (wie Piëch) oder zahllose Mandate anhäufen, ist aktueller denn je.

Bei VW bleibt ein Scherbenhaufen zurück. Auch der Konzernchef geht beschädigt aus dem Machtkampf. Nach Piëchs Attacke sind Winterkorns offene Baustellen in den Fokus gerückt. Wer nun Chefaufseher wird, übernimmt ein schweres Erbe. Hunderttausende Mitarbeiter und Millionen Kunden müssen bangen, dass der Autokonzern unfallfrei wieder in die Spur kommt.

von Stefan Dietrich

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