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Der Tod eines mutigen Streiters

Nemzow Der Tod eines mutigen Streiters

Eine bedeutende Stimme der russischen Opposition ist verstummt. In einem Land, das immer stärker von Wladimir Putin dominiert wird, war Boris Nemzow nicht einfach nur ein Oppositionsführer - er war vor allem ein mutiger Mann und trat an die Öffentlichkeit, während es viele andere angesichts der Repressalien für klüger hielten, sich in Schweigen zu hüllen.

„Frühling, Aufbruch!“ Unter diesem etwas eigenwilligen Motto wollten mehrere zehntausend Moskauer am gestrigen Sonntag gegen Putin und gegen den Krieg in der Ukraine demonstrieren. Nemzow, der noch am Freitag ein überaus regierungskritisches Interview gegeben hatte, wollte eigentlich in der ersten Reihe des Protestzuges stehen. Sein Mörder hat das verhindert. Das Interview am Freitag ist damit Nemzows letzter Versuch, die Russen aufzurütteln.

Die Schüsse töteten den wohl hartnäckigsten Präsidentengegner. Einmal mehr wird klar: In Moskau leben Regierungskritiker gefährlich. Natalja Estemirowa, Stanislaw Markelow, Anna Politkowskaja und Paul Klebnikow sind nur einige von ihnen, die in den vergangenen Jahren eines gewaltsamen Todes starben. Viele Rätsel ranken sich um Alexander Litwinenko. Im Vergleich zu diesen allen schien Nemzow lange eine gewisse Immunität zu genießen. Das autoritäre Regime traute sich nicht so recht an den früheren Vize-Regierungschef heran. Nun traf es auch ihn.

Die Hintergründe des Verbrechens liegen noch im Dunkeln. Putin kündigte an, die Ermittlungen unter seine persönliche Aufsicht zu stellen. Aber was ist von diesen fast schon hektischen Reaktionen der Sicherheitsbehörden zu erwarten? Die Feinde der Kremlkritiker finden sich keineswegs nur in der Regierung und den Behörden. Es ist erschreckend, wie sehr sich in Russland ein Klima von Angst und Ausgrenzung ausbreitet. Wer sich im größten Land der Welt außerhalb der offiziellen Meinung stellt, erfährt schnell ein Gefühl der Anfeindung.

Nemzow wusste um seinen hohen persönlichen Einsatz. Heikle Momente gab es vor allem bei den Demonstrationen 2012, als Tausende gegen Putins Wiederwahl protestierten. Unerschrocken stellte sich Nemzow ans Mikrofon, um Wahlbetrug anzuprangern und vor einer Militarisierung der Gesellschaft zu warnen. Es passt ins Bild, dass er in jüngster Zeit an einer Dokumentation zum Ukraine-Krieg arbeitete. Mehrfach sprach er davon, die direkte Beteiligung der russischen Militärs an den Angriffen der Separatisten belegen zu wollen. Ob diese Berichte nach seinem Tod veröffentlicht werden? Man darf zweifeln.

„Frühling, Aufbruch!“ wollten die Demonstranten eigentlich gestern rufen. Nach dem Verbrechen muss ein überaus langer Winter befürchtet werden.

von Stefan Koch

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