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Der Terror richtet sich gegen alle

Kopenhagen Der Terror richtet sich gegen alle

Ist Europa wirklich ein Kontinent ohne Zukunft? Die Frage hat Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nach den Terroranschlägen von Kopenhagen klar beantwortet. Nach den Schüssen in einem Kulturcafé und vor einer Synagoge hat er die Juden abermals zur Auswanderung aufgefordert.

Doch Netanjahus Analyse ist doppelt falsch. Denn die Anschläge der vergangenen Wochen und Monate, die sich nicht nur in Belgien und Frankreich, sondern auch in Australien und Kanada ereigneten, zeigen, dass der Terror eine weltweite Bedrohung ist und bleibt. Die blinde Wut der Attentäter richtet sich gegen alle: Gegen Künstler und Caféhausbesucher, gegen Politiker, Polizisten und Passanten. Und - wie die Absage in Braunschweig zeigt - sogar gegen fröhliche Karnevalisten. Das Feindbild der Islamisten ist der „Westen“ allgemein, seine Werte, seine Freizügigkeit, seine Toleranz. Der Terror kann Christen und Juden treffen, aber auch Muslime.

Der Anschlag von Kopenhagen zeigt, dass der Terrorismus eine neue Dimension erreicht hat. Die neuen Täter sind skrupellose, hochgerüstete Einzelgänger, die ohne Vorwarnung zuschlagen. Für Behörden und Fahnder ist es ein Alptraum, denn die Tatmuster der Islamisten sind nicht vorhersehbar. Es ist keine Angstmacherei, wenn man feststellt, dass es zu weiteren schlimmen Angriffen kommen wird. Und wenn dabei schon unverdächtige Veranstaltungen wie ein Karnevalsumzug betroffen sind, ist die Forderung, wir sollten angstfrei so weitermachen wie bisher, eine reichlich blauäugige Forderung.

Ein Patentrezept zur Verhinderung weiterer Anschläge gibt es nicht, das haben die Diskussionen der letzten Jahre gezeigt. Aber es gibt eine Menge Strategien, die Terrorakte verhindern oder Täter abschrecken können. Polizei und Geheimdienste müssen dazu ihre Methoden weiter verfeinern und die einschlägigen Foren - die realen wie die digitalen - sorgfältig im Blick behalten. Aber auch die islamischen Gemeinden sollten noch sensibler auf Veränderungen bei ihren Gemeindemitgliedern achten, noch stärker die gemeinsamen Werte des Westens unterstreichen. Nur die Aufmerksamkeit aller erhöht die Chance, den Terroristen früh genug auf die Spur zu kommen.

Gleichzeitig wird es darauf ankommen, immer wieder die richtige Balance zwischen Sicherheit und Freiheit zu finden. Die Forderung nach mehr Kontrollen, nach gespeicherten Vorratsdaten und der lückenlosen Überwachung von Kriegsheimkehrern ist schnell erhoben. Ebenso wichtig aber ist es zu diskutieren, was uns diese Maßnahmen kosten. Freiheit ist unser wichtigstes Gut - auch und gerade im Europa der Zukunft.

von Harald John

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