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Der Makel des Überstürzten

Terror Der Makel des Überstürzten

Der Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt ist noch nicht gefasst, die Ermittlungen zur Tat noch lange nicht am Ende. Die mögliche international-zwischenbehördliche Fehlerkette, die dazu führte, dass der als Strafttäter und "Gefährder" bekannte Verdächtige unbehelligt zur Tat schreiten konnte, ist weder lückenlos offengelegt noch aufgearbeitet.

Und doch werden auf der Basis von mehr oder weniger gesicherten Informationshäppchen aus teilweise unklaren Quellen munter politische Süppchen gekocht. Da gibt es die Wiederholung altbekannter bayerischer Forderungen zur Flüchtlingspolitik, etwa die nach Transitzonen und härterem Vorgehen gegen Flüchtlinge. Da gibt es von nordrhein-westfälischen Wahlkämpfern Versagensvorwürfe an die rot-grüne Landesregierung, die den Verdächtigen nicht gut genug überwacht haben soll.

Und es gibt einen gutgemeinten Petitionsentwurf, demzufolge der erschossene polnische Lkw-Fahrer posthum mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt werden soll, weil er laut Medienberichten während des Anschlags versucht haben soll, Schlimmeres zu verhindern.

Sicher, wir bewegen uns in schnelllebigen Zeiten. Der Nachrichtentakt bei Großereignissen wie diesen ist inzwischen so dicht und zugleich oft qualitativ so wenig gefiltert, dass das nüchterne Abwägen und Bewerten leicht zu kurz kommt. Der unreflektierte Statement-Ausstoß von Politikern jeglicher Couleur, die auf ungesicherte Spekulationen reagieren, ist dabei besonders verantwortungslos, weil sie eigentlich wissen müssten, dass es sowohl der eigentlichen Sache als auch ihrem Thema schadet.

Auch andere sollten sich bei - noch so gutgemeinten - Aktionen die nötige Zeit lassen, bis alle Fakten auf dem Tisch liegen. Ich würde dem toten Lkw-Fahrer und seinen Angehörigen die Ehrung von Herzen gönnen. Aber mit dem heutigen Stand ist es zu früh, darüber zu befinden. Schon einmal hat man sich mit einer frühen Heroisierung keinen Gefallen getan. Im Fall Tugce bekam das schnell gezeichnete Bild vom unschuldigen Rettungsengel durch weitere Ermittlungen Risse. Natürlich wäre die junge Frau trotzdem eine Kandidatin für eine solche Ehrung geblieben. Doch da sich bereits schon sehr früh sehr viele Menschen, darunter hochrangige Persönlichkeiten, festgelegt hatten, haftete der überstürzten Auszeichnung ein Makel an. Diesen Fehler muss man ja nicht unbedingt ein zweites Mal machen.

Es reicht ja schon, wenn bei Polit-Größen von Horst Seehofer über Armin Laschet oder Christian Lindner bis hin zu Heiko Maas oder Renate Künast der Bauch, Mund oder die Finger auf der Tastatur manchmal sichtlich schneller sind als der Kopf.

von Michael Agricola

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