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Der Fortschritt muss warten

Rente Der Fortschritt muss warten

Nun ist sie wieder da: die hässliche 70. Günther Oettinger, eigentlich für die Brüsseler Energiepolitik zuständig, hat sie wieder einmal ins Gespräch gebracht, die Rente mit 70.

Die EU-Kommission vertritt bereits seit Jahren die Ansicht, dass die Europäer im Grunde genommen länger arbeiten müssten - weil sie, erfreulicherweise, ja auch immer älter werden und demnächst nicht mehr so viele Junge da sind, die die Jobs machen. Doch die Botschaft kommt nicht gut an. Verständlicherweise. Schließlich hat man sich in Deutschland gerade erst an den Gedanken gewöhnt, dass das Renteneintrittsalter auf 67 steigt. Und nun 70?

Das ist natürlich Unsinn. Niemand muss fürchten, dass die Rente demnächst erst am 70. Geburtstag kommt. Die Debatte ist, gottlob, längst einen Schritt weiter. Der Glaube an die Notwendigkeit starrer Altersgrenzen für den Wechsel vom Erwerbsleben in den Ruhestand schwindet. Statt dessen diskutiert die Politik über flexible Übergänge. Wer sich fit fühlt und mit 67 Jahren weiterarbeiten möchte, soll die Chance bekommen, dies zu tun. Wer mit 61 Jahren kürzer treten will, soll mit einer Teilrente das Teilzeitgehalt problemlos aufstocken können. In Schweden können Arbeitnehmer im Alter von 60 bis 70 Jahren mit ihrem Arbeitgeber vereinbaren, wann sie aufhören oder ob sie ihre Arbeitszeit reduzieren wollen.

Auch Union und SPD sind nicht abgeneigt. Die Reform der komplizierten Teilrente gilt als überfällig; der berufliche Ausstieg per gesetzlicher Stichtagsregel als überholt. Das Dumme ist nur, dass sich die große Koalition vorgenommen hat, erst einmal mit der abschlagsfreien Rente mit 63 eine neue Stichtagsregel für einige wenige einzuführen, bevor man sich mit flexiblen Übergängen für alle beschäftigt. Anders gesagt: Der Fortschritt muss warten.

von Gabi Stief

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