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Chefs brauchen Bodenhaftung

Middelhoff Chefs brauchen Bodenhaftung

Vielleicht kann Thomas Middelhoff beim Film noch etwas werden. Sein Managerleben gäbe es her, und die Rolle des "BigT" könnte keiner spielen wie das Original.

Ein paar große Erfolge und noch größere Pleiten, gleichermaßen clever wie weltfremd, das Grinsen immer zu breit und die Selbstüberschätzung grenzenlos: Das einstige Jungtalent des Bertelsmann-Konzerns ist über die Jahre zum lebenden Klischee geworden. Wenn der mittlerweile 60-Jährige im Saal des Essener Landgerichts stand, fielen schnelle Urteile leicht. Vielleicht ging das auch den Richtern so, denn mit drei Jahren Haft haben sie sich jedenfalls keine Zurückhaltung auferlegt. In der Begründung klang an, dass sie auch der völlige Mangel an Einsicht bei Middelhoff geleitet habe.

Dieser Mangel ist das eigentlich Interessante. Middelhoff war als Manager abgeschrieben, bevor irgendein Richter tätig wurde. Ihm selbst ist das bis heute offenbar ebenso wenig bewusst wie die Fragwürdigkeit vieler Verhaltensweisen. Hubschrauber-Charter und Flüge, über deren amtsfremden Charakter man eigentlich nicht lange reden muss, Managementtreffen mit Gattinnen und „Power-Shopping“ in Südfrankreich - das alles in einem Unternehmen, das kaum Geld für den Weihnachtsumtrunk in der Pförtnerloge hatte.

Nebenbei fiel Middelhoff mit kruden privaten Finanztransaktionen auf, die ihn offenbar selbst an den Rand der Pleite gebracht haben. Und doch ist der Mann offenbar bis heute überzeugt, alles richtig gemacht, sich damals zum Wohl des strauchelnden Arcandor-Konzerns schier zerrissen zu haben. In seinem Weltbild war für ihn legitim, wofür er andere fristlos gefeuert hätte.

Middelhoff war angesichts der Vorwürfe auch deshalb so fassungslos, weil sie im Unternehmen niemand erhoben hat. Zu seinem Pech wird bei Untreue der Staatsanwalt tätig. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass der Arcandor-Aufsichtsrat je Schadensersatz von ihm gefordert hätte.

An der Spitze von Konzernen bilden sich schnell Zirkel, die viel gemeinsam haben: Werdegänge, Erfahrungen, Weltsicht. Von außen dringt wenig hinein, und so hält man irgendwann Dinge für normal, die es nicht sind. Auch in anderen Konzernen ist die Führung zuerst abgeschottet und dann irgendwann abgehoben. Das kann eben nicht nur zu persönlich motivierter Geldverschwendung führen, sondern zu einem auch wirtschaftlich schlecht geführten Unternehmen.

Nach diversen Skandalen und Rechtsänderungen sind die Aufsichtsräte heute viel wacher als früher, sogenannte Compliance-Abteilungen für saubere Unternehmensführung sind geradezu herangewuchert. Das alles ist offenbar nötig. Aber Chefs mit Bodenhaftung können sie nicht ersetzen.

von Stefan Winter

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