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Brüchige Planken und Leichensäcke

Flüchtlingspolitik Brüchige Planken und Leichensäcke

Italiens Regierungschef Matteo Renzi spielt seine momentan letzte Karte: Er setzt auf die Schockwirkung der Bilder, die um die Welt gehen werden, wenn ein vor einem Monat im Mittelmeer gesunkenes Flüchtlingsschiff gehoben wird.

Man kann sich das jetzt schon vorstellen, die Überreste des Bootes, die lange Reihe von Leichensäcken auf irgendeiner Hafenmole. Abgesehen davon, dass es auch etwas mit Menschenwürde zu tun hat, die ertrunkenen Flüchtlinge nicht anonym auf dem Meeresgrund verrotten zu lassen, sondern zumindest einige der Todesopfer noch identifizieren zu können - was Renzi mit der Bergung bezweckt, ist überdeutlich: Es ist der erneute, fast flehentliche Appell an die europäischen Nachbarn, Italien nicht allein zu lassen bei der Aufnahme der Bootsflüchtlinge. Es mag ja ehrenwert sein, wenn deutsche Fregatten in mediterranen Gewässern kreuzen und dort verzweifelte Menschen vor dem sicheren Tod retten. Diese Menschen dann allerdings lediglich im nächstgelegenen Hafen abzuliefern, löst keines der Probleme, auf die Renzi hinzuweisen versucht.

Es ist durchaus zweifelhaft, dass Italien mit der Bergung der Leichen jene Staaten umstimmen wird, die sich beharrlich gegen Quoten für die Aufnahme von Flüchtlingen stemmen. Und es könnte auch durchaus passieren, dass die Regierung in Rom auf den vermutlich im zweistelligen Millionenbereich liegenden Bergungskosten sitzen bleibt. Doch dieses Risiko nimmt Renzi billigend in Kauf, denn er weiß, dass in der Gesamtschau der finanziellen Anstrengungen im Zusammenhang mit den in Italien anlandenden Flüchtlingsströmen jene 15 bis 20 Millionen Euro für das Heben des Schiffs Peanuts sind.

Etwas in Vergessenheit gerät vor dem Hintergrund der Flüchtlingstragödie, dass in diesen Wochen im norditalienischen Mailand eine Weltausstellung stattfindet, deren Motto beziehungsreich „Den Planeten ernähren, Energie für das Leben“ lautet. Der deutsche Pavillon versteht sich gar als „Field of Ideas“.

Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Wohl wahr, zwischen Lampedusa und der Lombardei liegen mehr als 1000 Kilometer Distanz, und insofern ließe sich auch auf dieser Expo mit großer Geste heile Welt spielen. Matteo Renzi wollte diese Expo ins Land holen, er verteidigte sie gegen jede Kritik und warf sich sogar noch für die Schau ins Zeug, als es im Umfeld der Eröffnung Anfang des Monats zu schweren Krawallen kam. Jetzt hätte er die Möglichkeit, diese Mailänder Bühne zu nutzen. Dort, auf der Expo, ließe sich der Welt zeigen, was Italien unter „Energie für das Leben“ versteht. Dezent, mit ein paar brüchigen Schiffsplanken vor dem italienischen Pavillon. Oder drastisch, mit Bildern von Leichensäcken.

von Carsten Beckmann

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