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Arbeitnehmer brauchen Schutz

Acht-Stunden-Tag Arbeitnehmer brauchen Schutz

Hand aufs Herz: Wann hatten Sie zuletzt den sehnlichen Wunsch, länger an der Arbeit zu bleiben, und durften es nicht? So ungern ich das gestehe - weil ich meinen Job wirklich gern mache -, mir ist das noch nie passiert.

Ich kenne auch niemanden, der abends von der Polizei aus dem Büro geholt worden ist, weil er die erlaubte Arbeitszeit überschritten hatte.

Das klingt banal, aber manchmal sind auch Binsenweisheiten gute Prüfsteine für politische Vorschläge. Etwa für den Vorstoß der wahrscheinlich künftigen Regierungspartei FDP. „Das Arbeitszeitgesetz ist nicht mehr zeitgemäß und muss flexibler werden“, findet Fraktionsvize Michael Theurer. Die Liberalen wollen den Acht-Stunden-Tag abschaffen.

Die banalen Beispiele zeigen jedoch, um wessen Interessen es dabei in Wahrheit geht: Nicht um jene der Arbeitnehmer, die ihren Arbeitstag anders gestalten wollen. Sie haben schon jetzt in vielen Firmen die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit flexibel einzuteilen. Schließlich erlaubt das Gesetz Überstunden, Gleitzeit und Schichtarbeit. Zu unflexibel ist es nur aus Sicht der Unternehmen. Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer nannte kürzlich das Beispiel eines Arbeitnehmers, der abends spät noch Dienst-E-Mails liest - nach geltendem Recht dürfte er dann morgens früh nicht zum Dienst antreten.

In Wahrheit verhindert die Regelung aber nicht, dass Arbeitnehmer abends E-Mails lesen. Sie soll verhindern, dass Unternehmen es von ihnen verlangen. Und das ist sehr zeitgemäß, wie aktuelle Daten zeigen: Deutschlands Arbeitnehmer haben 1,8 Milliarden Überstunden auf dem Konto. Fast jeder zweite schaut laut einer Yougov-Umfrage nach Feierabend in dienstliche ­E-Mails. Laut einer Studie der Initiative Gesundheit und Arbeit fühlt sich jeder dritte nach Feierabend erreichbare Arbeitnehmer im Privat- und Familienleben beeinträchtigt, bei jedem fünften leiden Schlaf- und Erholungszeiten.

Deutschlands Arbeitnehmer brauchen nicht weniger, sondern mehr Schutz - weil Überstunden und ständige Erreichbarkeit krank machen können. Überlange Arbeitstage erschweren zudem die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und erhöhen im Betrieb das Risiko von Fehlern. Das kann letztlich auch nicht im Interesse der Unternehmen sein.

von Stefan Dietrich

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