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Angst des Klinglers vor dem Wähler

Wahlkampf Angst des Klinglers vor dem Wähler

Bundestagswahlkampf beinhaltet vielerorts auch immer noch "Klinken putzen". Was hinter der Tür auf die Parteisoldaten wartet, ist immer wieder aufs Neue eine Wundertüte.

Die CDU bereitet ihre Wahlkämpfer mit einer digitalen „Übungstür“ und einer speziellen App vor. Hinter der Tür lauern Wutbürger, Unentschlossene oder CDU-Sympathisanten. Die nordrhein-westfälische SPD gibt ihren Leuten 13 Regeln für die Begegnung mit dem unbekannten Wesen (Nicht-)Wähler mit auf dem Weg. Darunter fallen Tipps wie „Revier checken“, um die Erfolgschancen ihres Einsatzes zu steigern, Zeitvorgaben („Nicht nach 20 Uhr“) oder die Erinnerung daran, nicht zu ausufernd zu dozieren, sondern zuzuhören („Sei kein Erklärbär!“).

Wie sich die Zeiten doch ändern. Statt wie früher einfach unbefangen draufloszulaufen und mit freundlichem Auftreten an der Haustür potenzielle Wähler für sich gewinnen zu wollen, machen sich die Wahlkämpfer heute schon vorher auf alles mögliche gefasst. In Zeiten von Hate Speech und tätlichen Angriffen selbst auf Uniformierte und Notfallhelfer ist diese Angst wohl auch nicht immer unbegründet.

Was aber sagt das über unsere Gesellschaft, über uns alle aus? Dass der Gesprächsfaden zwischen Teilen der Bevölkerung und „der Politik“ gerissen ist? Dass höfliches Verhalten - auf beiden Seiten - nicht mehr vorausgesetzt werden kann? Dass auch vielleicht im eigenen Ort wohlbekannte Mitbürger nicht mehr erwünscht sind, sobald sie an der Haustür ein Parteifähnchen hochhalten?

Wie dem auch sei. Es gehört sich, dass eine Begegnung dieser Art stets respektvoll vor sich geht - auch wenn man unterschiedliche Positionen vertritt, über den Zustand der Demokratie, die Regierungsarbeit oder wichtige Themen nicht auf einen Nenner kommt. Am Ende stehen sich immer noch Menschen gegenüber, keine Feinde. Wenn man das beherzigt, klappt‘s wahrscheinlich auch mit einem Plausch am Gartenzaun, der keinem wehtut, aber im besten Fall wohltuend demokratiefördernd wirkt.

von Michael Agricola

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