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Am Küchentisch der Demoskopen

Bertelsmann-Umfrage Am Küchentisch der Demoskopen

Ein ungutes Gefühl beschleicht jeden, der auf eine ihm gestellte Frage mit einem präzisen "Ja" oder "Nein" antworten soll, obwohl ihm der gesunde Menschenverstand sagt, dass ein "sowohl als auch" angebrachter wäre.

So müssen sich - zumindest unterschwellig - jene 15000 Bundesbürgerinnen und Bundesbürger gefühlt haben, die im August dieses Jahres von der Bertelsmann-Stiftung um ihre Meinung zu der Frage gebeten wurden, ob sie Globalisierung eher als Bedrohung oder als Chance sehen.

Ich weiß, was Sie jetzt denken - und Sie haben recht: Ohne näher zu definieren, was unter dem Begriff Globalisierung genau zu verstehen ist, würde wohl annähernd jeder spontan sagen: sowohl als auch. Wer bei einer großen Internet-Suchmaschine nach „Chancen und Risiken der Globalisierung“ fahndet, findet in Sekundenschnelle Einträge im sechsstelligen Bereich. Man muss an dieser Stelle nicht ins Dozieren geraten, sondern kann in wenigen Worten und für jeden verständlich erklären, dass wirtschaftliche, politische und kulturelle Globalisierungsprozesse je nach Blickwinkel sowohl positive als auch negative Effekte mit sich bringen.

Zurück zur Bertelsmann-Stiftung, die in Deutschland unter dem Strich 55 Prozent Globalisierungsbefürworter und folgerichtig 45 Prozent Weltoffenheits-Skeptiker ausmacht. Das ist nun nicht gerade ein eindeutiger Trend, wie Statistiker ihn sich wünschen. Daher musste ein weiteres Raster her: 78 Prozent der Befragten, die sich als AfD-Sympathisanten outeten, sind auch bekennende Globalisierungsgegner - ein deutlicher Ausschlag, der sich offenbar mit der Flüchtlingsthematik begründen lässt. Die Folgerung der Bertelsmann-Demoskopen lautet, dass die Angst vor der Globalisierung den Rechtspopulisten in ganz Europa Wähler in die Arme treibt. Leider wird diese These gleich wieder ausgehebelt, denn ausgerechnet in Großbritannien fanden sich auch nach dem Brexit-Votum mit 64 Prozent EU-weit die meisten Globalisierungsbefürworter. Richtig gelesen: Befürworter. Verwirrend.

Die Globalisierung hat die Welt enger zusammenrücken lassen, die Globalisierung hat die Welt komplizierter gemacht. Und in dieser komplizierten Welt reicht es längst nicht mehr aus, wichtige Tendenzen in der Gesellschaft mit Küchentisch-Demoskopie erklären zu wollen. Gerade die Meinungsforschung ist jetzt gefragt, so wissenschaftlich und differenziert wie möglich zu Werke zu gehen. Um einem plumpen und pauschalen Weltbild, mit dem populistische Politik operiert, glaubwürdige Befunde entgegensetzen zu können. Auch auf die Gefahr hin, sich ab und zu mit einem „sowohl als auch“ als Antwort zufriedengeben zu müssen.

von Carsten Beckmann

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