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6:0 für Merkel

Ehe für alle 6:0 für Merkel

Wäre Angela Merkel nicht so eine gute Taktikerin, sie hätte sich niemals so lange an der Spitze ihrer Partei und der Bundesregierung halten können. Das steht außer Frage.

Doch auch in Zeiten, da man ihr mit markigen Worten vorwirft, Politik durch die Verweigerung von politischen Diskussionen zu machen, versteht sie es, entscheidende Punkte zu setzen, gerade wenn man es nicht unbedingt erwartet.

Ihr listiger Vorstoß zur „Ehe für alle“ ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Die vollständige Gleichstellung homosexueller Paare in Deutschland muss kommen. Sie ist eine Frage der Gerechtigkeit. Und deshalb wird sie irgendwann auf jeden Fall kommen, zur Not auch per Gericht.

Angela Merkel weiß das, die CDU/CSU weiß das. Selbst die homophoben Vertreter in der Union wissen das - nicht erst, seit alle koalitionstauglichen Parteien genau das zur Bedingung für eine Koalition nach dem 24. September gemacht haben und selbst die AfD mit einer in lesbischer Partnerschaft lebenden Spitzenkandidatin antritt.

Mit der unerwarteten Freigabe dieser Frage als „Gewissensentscheidung“, in einer Bundestagsabstimmung ohne Fraktionszwang, schlägt die CDU-Chefin gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe.

Angela Merkel erstickt ein vielversprechendes Wahlkampfthema der Konkurrenz im Keim - in einer Frage, bei der eine zaudernde Union nur eine schlechte Figur hätte abgeben können.

Sie punktet damit bei potenziellen (neuen) Wählern: Homosexuellen wie Heterosexuellen, die der rechtlichen Gleichstellung aufgeschlossen gegenüber stehen - was inzwischen die Mehrheit der Deutschen sein dürfte.

Und weiter: Sie löst eine innerparteilich umstrittene Frage so, dass keiner sein Gesicht verlieren muss. Denn wer die Gleichstellung im Bundestag ablehnt, bleibt sich und seinen Anhängern treu, auch wenn er in der Sache unterliegen sollte.

Zugleich verteilt Angela Merkel auf diese Weise einen kleinen Denkzettel an den zuletzt öffentlichkeitswirksam aufmüpfigen Merkel-kritischen, ultrakonservativen Flügel in der Union. Botschaft: Es geht auch ohne Euch.

Für das Entgegenkommen, das die SPD mit einer nun folgerichtigen schnellen Entscheidung im Bundestag für sich ausschlachten könnte, kann die Union wiederum ein Entgegenkommen der Sozialdemokraten in einer anderen Frage fordern.

Die Geschichte vom „einschneidenden Erlebnis“ im eigenen Wahlkreis setzt dem das Krönchen auf, es ist quasi das 6:0 für Merkel. Eine Kanzlerin, die sich von der Begegnung mit einfachen Bürgern überzeugen lässt, die bereit ist, dazuzulernen und frühere Positionen zu kippen - besser kann man sich im Wahlkampf kaum verkaufen.

von Michael Agricola

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