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Zu Besuch bei der sozialistischen Wir-AG

Kanzlerkandidat Steinmeier Zu Besuch bei der sozialistischen Wir-AG

Bei der Meissner AG in Wallau läuft die Produktion am Dienstagnachmittag auf Hochtouren. Das Brummen der Maschinen überlagert alle Geräusche. Die Mitarbeiter bekommen es dennoch mit, als Frank-Walter Steinmeier die Galerie über der Werkhalle betritt.

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In der Produktionshalle schauten sich der bundestagsabgeordnete Sören Bartol (von links), Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier mit Vorstandsmitglied Karl-Hermann Plank und dem Vorstandsvorsitzenden der Meissner AG, Tilmann Löffelholz die Fertitung dr Bussteile an.

Quelle: Waldinger

Wallau . Sie recken die Hälse, während Vorstandsvorsitzender Tillmann Löffelholz und der für Technik und Vertrieb zuständige Vorstand Karl-Hermann Plank dem SPD-Kanzlerkandidat, Vizekanzler und Bundesaußenminister moderne Gusstechniken erklären. Als der SPD-Spitzenpolitiker dann die Stahltreppe in die Werkhalle herunter steigt, kommt vorsichtig Bewegung in die Belegschaft. Einige zücken zaghaft eine Digitalkamera oder fotografieren mit ihren Handys. Einen leibhaftigen Kanzlerkandidaten am Arbeitsplatz – das erleben die wenigsten Beschäftigten in ihrem Berufsleben.
Beim Betreten der Halle weiß Steinmeier längst, dass er zum Abschluss seiner Sommerreise ein ganz besonderes Unternehmen besucht. „Wir sind ein sozialistischer Betrieb; die Mehrheit der AG-Anteile gehört den Mitarbeitern", klärt Löffelholz den prominenten Gast noch im Firmenfoyer auf und rekapituliert die jüngere, dramatische Geschichte des Traditionsunternehmens: Im Herbst 1994 geht der weltweit führende Hersteller von Gießereiwerkzeugen und Gießerei-Spezialmaschinen in Konkurs. Die verbliebenen 170 Mitarbeiter investieren ihr Können, ihre Arbeitskraft und durchschnittlich 10 000 bis 20 000 Mark Eigenkapital in die Rettung des Unternehmens. Die „Wir-AG“ schafft die Wende, reduziert die Produktpalette auf den Werkzeugbau, investiert in modernste Technologie und gewinnt fast alle großen Autohersteller als Kunden zurück.
Die Ergebnisse dieser kollektiven Anstrengungen stehen überall in der Werkhalle und sehen irgendwie nach Kolben, Motorblock, Bodengruppe und Benzin-Tank aus – aber im Negativ. Es sind komplizierte Spezialwerkzeuge für den Bau von Autos, die es zum Teil noch gar nicht gibt. Die bereits angebrachten Typenschilder weisen BMW, Mercedes oder VW als künftige Eigentümer aus.
Steinmeier lässt sich die Entstehung der meist hoch komplizierten Werkteile von der Entwicklung bis zur Endabnahme von den Mitarbeitern erklären. Gruppenleiter Gerd Kuhdi zählt dabei zu seinen Gesprächspartnern. Kuhdi arbeitet schon seit 1980 für Meissner, hat die Höhen und Tiefen seines Unternehmens miterlebt. Sein Urteil über Steinmeier: „Er ist ein angenehmer Gesprächspartner“, sagt er und ergänzt: „Es ist gut, dass er gekommen ist und sich für das interessiert, was an der Basis passiert.“
Gut findet wiederum Steinmeier mittelständische Unternehmen wie Meissner, in denen Mut, Tatkraft und Verantwortungsbewusstsein zu einem guten Ergebnis führen. Gerade auf diese Firmen setzt er bei der Verwirklichung seines Deutschland-Plans, eine Vokabel, die er beim abschließenden politischen Gespräch mit mittelständischen Unternehmen aus dem Hinterland nicht in den Mund nimmt. Der Begriff ist verbrannt, seit Steinmeiers darin festgeschriebene Zielsetzung, bis zum Ende des kommenden Jahrzehnts durch Investitionen in Zukunftstechnologien, Bildung, Pflege und Gesundheitswesen die Vollbeschäftigung zu erreichen, von einer klaren Mehrheit der Bundesbürger als unrealistisches Wahlversprechen gedeutet wurde.
Steinmeier beklagt dieses offenkundige Missverständnis nicht. Stattdessen trägt er in ruhigem, unaufgeregten Tonfall vor, dass Politiker auch dann handeln müssen, wenn dies ihren Parteien keinen Vorteil bringt.
Er spricht von der Agenda 2010 und den Hartz-Reformen. „Die Agenda beschäftigt die SPD noch immer, sie hat uns Glaubwürdigkeit und Wählerschichten gekostet, aber wir mussten damals als Sozialdemokraten über unseren Schatten springen, denn wir standen auf der Schwelle zu fünf Millionen Arbeitslosen“, sagt Steinmeier und bezeichnet diese Arbeitslosenzahl als den für die Belastbarkeit der Volkswirtschaft absolut kritischen Wert.
Es klingt überhaupt nicht melancholisch als er feststellt: „Wir haben damals eine Entwicklung mit 14 Projekten angestoßen, die für das Land wertvoll und für die SPD schädlich waren und sind. Wir haben es geschafft, die Arbeitslosenzahlen um zwei Millionen zu senken.“ Heute sieht der SPD-Spitzenkandidat die Politik unter dem gleichen Handlungsdruck wie damals, auch wenn es erste Aufhellungen in der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise gibt. „Die Menschen wollen jetzt wissen, wie es weiter geht. Wir müssen realistische Visionen für das kommende Jahrzehnt entwickeln. Deswegen habe ich mich – nicht zum ersten Mal – mit den Arbeitsplätzen von Morgen beschäftigt“, findet Steinmeier den Weg zur Zielsetzung Vollbeschäftigung zurück. An der hält er fest und setzt dabei auch auf den unterstützenden Effekt der demographischen Entwicklung.
Seine Rechnung: Heute gibt es 40 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland, darunter 31 Millionen Vollzeitjobs. Gelingt es, bis 2020 die Zahl der Vollzeitarbeitsplätze auf 33 Millionen Arbeitsplätze zu erhöhen, ist das Ziel erreicht. Auf dem Weg dorthin bittet Steinmeier die Wirtschaft um vertrauensvolle Zusammenarbeit und versichert: „Auf unserer Seite sitzen nicht nur Idioten.“
von Matthias Mayer (Text)
und Rainer Waldinger (Fotos)

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