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Zeitungsleser seit fünf Generationen

Rückblick Zeitungsleser seit fünf Generationen

Inzwischen in der fünften Generation lese ich seit 70 Jahren meinen „Oberheß.“ Neuerdings auch die moderne E-Paper-Ausgabe.

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Albert Schmidt (78), OP-Leser aus Cappel, zeigt alte und aktuelle Originalseiten der OP und ihrer Vorgängerzeitung. Seine Familie liest die Zeitung seit fünf Generationen.

Quelle: privat

Cappel. Die erste Generation war mein Ururgroßvater Ludwig Schmidt (1797 - 1831). Er war Lehrer an der Katholischen Schule und Kantor an der Katholischen Kirche in Marburg und wohnte am „Schuhmarkt Nr. 289.“

Bereits vor Erscheinen des „Oberhessischen Anzeigers“ von 1866 gab es in Marburg nämlich Zeitungen. Die älteste Marburger Zeitung waren die „Marburgischen Anzeigen“ von 1764. Dieses Blatt enthielt noch keinen politischen oder belletristischen Teil, sondern nur Anzeigen der Regierung, dazu private Handelsinserate. Aufgrund seiner beruflichen Stellung dürfte mein Ururgroßvater mit Sicherheit auch Leser der damaligen Zeitung gewesen sein.

Die zweite Generation war mein Urgroßvater Ferdinand Schmidt (1829 - 1893). Er stand in Diensten des letzten Hessischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. in Cassel. Dieser hatte ihn 1854 zu seinem persönlichen Hoflakai ernannt. 1864 verlieh ihm der Kurfürst mittels eigenhändig vollzogenen Reskript die Stelle eines Pedellen beim Landgericht Marburg. Zwei Jahre später wurde Kurhessen von Preußen annektiert und der Kurfürst in Gefangenschaft geführt. Hier am Marburger Schlossberg konnte mein Urgroßvater die historische „Allerhöchste Proclamation von Wilhelm, König von Preußen, über die Besitznahme des vormaligen Kurfürstenthums Hessens“ vom 3. Oct. 1866 lesen, die in dem „Oberhessischen Anzeiger“ Nr. 70 vom 9. Okt. 1866 bekannt gemacht wurde.

Infolge dieser veränderten politischen Lage war aus dem persönlichen Hoflakai mit Livree am Kurfürstlichen Schloss in Kassel-Wilhelmshöhe nunmehr der Pedell und Gerichtsdiener am Königlichen Landgericht am Marburger Schlossberg geworden.

Ab 1. April 1867 las er dann die nunmehr in „Oberhessische Zeitung“ umbenannte Tageszeitung. Die älteste vorhandene Zeitung ist aus dem Gründungsjahr 1866 mit der erwähnten Proklamation.

Ferner sind mir einige Ausgaben der ab 1867 erschienenen „Oberhessischen Zeitung“ aus dem Familienarchiv erhalten geblieben.

Inserate vermitteln den Alltag im 19. Jahrhundert

Stadtgeschichtlich interessant sind darin die Anzeigenteile. Die unterschiedlichen Inserate der Firmen, Geschäfte, Gaststätten, Vereine oder Privatleute lassen das Leben in der Stadt Marburg während der damaligen Zeit wieder lebendig werden.

Die dritte Generation war dann mein Großvater, Rechnungsrat­ bei der Staatsanwaltschaft des Landgerichts Marburg, Eduard Schmidt (1863 - 1945). Dieser baute am Sandweg oben am Schlossberg mein Elternhaus, in dem ich aufwuchs.

Die vierte Generation bildete mein Vater, Ferdinand Schmidt (1895 - 1989), der bis 1969 am Sandweg wohnte, bevor meine Eltern zu uns nach Cappel zogen.

Das Lesen und Schreiben ­erlernte ich, Albert Schmidt (1938), ab 1944 in der damaligen Schlossbergschule am ­Lutherischen Kirchhof und ­wurde damit OP-Leser der ­fünften ­Generation.

Berührt war ich seinerzeit von den Todesanzeigen der vielen gefallenen Soldaten, die ganze­ Seiten füllten. Von diesem Schicksal waren viele Familien betroffen.

Auch las ich unter anderem 1949 aufmerksam die tagelange, ausführliche Berichterstattung in der Marburger Presse über einen spektakulären Mordfall, der sich einen Steinwurf weit von meinem Elternhaus in einem Haus eines bekannten Professors in der Calvinstraße ereignet hatte. Ferner las ich vom Frankenberger Schneeballsystem, das damals für Schlagzeilen sorgte. Weiter war hier zu lesen, dass man sich in der Zweigstelle des Amerika-Hauses in der Universitätsstraße für den Kurs „Englisch für Kinder“ anmelden konnte, was meine Eltern dann auch für mich taten.

Die beiden kleinen Lehrheftchen mit den britischen und amerikanischen Rangabzeichen am Anfang und den passenden Titeln „Das musst Du wissen“ und „Englisch leicht gemacht“ besitze ich noch heute. Sie kosteten 50 beziehungsweise 90 Pfennig.

Die Zeitungen der damaligen Zeit dienten aber nicht nur der täglichen Information, sie erfüllten unter anderem auch einen recht profanen Zweck am stillen Örtchen, wo meine Vorfahren schon damals über eine Wasserspülung verfügten.

Das besondere Interesse an der Zeitung weckte ein engagierter Lehrer, der uns sehr früh den Journalismus und das Zeitungswesen näherbrachte. Seine Merksätze waren unter andrem: „Ihr müsst mit jedem Wort ringen und mit Fotoaugen durch die Welt gehen!“

So stand 1954 auch eine ­Besichtigung der Druckerei der Oberhessischen Presse am oberen Markt auf dem Programm, wo wir unter anderem die Arbeit des Schriftsetzers mit den schweren, bleiernen Druckplatten für die gewaltigen ­Rotationsmaschinen kennenlernten. Wir hatten die Befürchtung, mitsamt diesen schweren Maschinen durch den dortigen mittelalterlichen Boden zu brechen. (Der in Marburg bekannte Schriftsetzer „Schorsch“ Pusch (DLRG) posierte mit einer solchen Platte vor meiner Agfa ­Karat-Kamera).

Unvergessen: ­OP-Fotograf Heinz Eifert

Ein Klassenkamerad fand dann auch Brot und Arbeit beim „Oberheß“, genauso wie einige­ Spieler des damals noch glorreichen VfL Marburg, von dem Heinz Eifert (1929 - 2002) im Laufe der Zeit unzählige, spektakuläre Sportfotos schoss. Seine Schwarzweiß-Fotos, schon aus den frühen 1950er-Jahren, müssten keinen Vergleich mit den heutigen Digitalfotos scheuen. Eifert-Fotos waren ein Begriff. Es war mehr Klasse als Masse.

Unvergessen ist mir, wie er mit seinem Tornax-Motorrad und der Leica um den Hals aus der Marktgasse schießt und den Markt hoch in die Druckerei brettert, um seine Fotos noch rechtzeitig abzuliefern. Seine späteren Autos trugen alle die „11“ im Kennzeichen. Heinz Eifert prägte über mehr als vier Jahrzehnte mit seinen aussagekräftigen Fotos das Bild dieser Zeitung! Den „Heinz“ - den Mann mit der Kamera - kannte einfach jeder. Er ist eine Legende!

Hermann Bauer (1887 - 1986), Politiker, 1945 Herausgeber der Marburger Presse und einer der profundesten Marburg-Kenner, unternahm mit unserer Klasse einen reich mit Anekdoten gespickten, unterhaltsamen und sehr informativen Stadtspaziergang. Der Berichterstatter des „Oberheß“, Wilhelm Wißner (1866 - 1954) vom Rotenberg, kam oft zu uns an den Sandweg, um mit meinem Großvater recht lebhaft historische und aktuelle Themen zu diskutieren. In der damaligen unseligen Zeit mussten Gespräche dieser Art von gegenseitigem Vertrauen geprägt sein. Beide waren fast gleichaltrig.

Sein Sohn, Wilhelm Wißner (1899 - 1985), gehörte ebenfalls der schreibenden Zunft an und schrieb als Lokalredakteur für den „Oberheß“ zahlreiche Berichte über die Ereignisse in der hiesigen Region, insbesondere berichtete er aus den Gerichtssälen.

Vater und Sohn Wilhelm Wißner waren Urgesteine im Marburger Zeitungswesen der damaligen Zeit.

Mein Großvater starb 1945 nur wenige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner in Marburg, so dass er die Übernachtung zweier Panzerbesatzungen in seinem Haus nicht mehr miterlebte.

Lokalredakteur Rudi Beszon (1920 - 2007) berichtete unter anderem vom politischen Leben mit den Oberbürgermeistern Georg Gaßmann (1951-1971) und Dr. Hanno Drechsler (1972 - 1992) in Marburg.

In diesem Zusammenhang sei auch der leider allzu früh verstorbene Sport-Redakteur Gerhard Franz erwähnt.

Im Jahr 1949 erhielt ich als Geschenk das im selben Jahr von der Marburger Presse herausgebrachte Bilderbuch von Otto Brinckmann „Die lustigen Tiere von Marburg.“ Hier wurden die bekannten Marburger Tiere vom Rathausgockel über den Schwan von der Apotheke bis zu den zwei Bären vor dem Wirtshaus an der Lahn in humorvollen Texten vorgestellt und mit lustigen handgezeichneten ­Illustrationen versehen.

Die sechste Generation setzt die Tradition fort

Anfang der 1980er-Jahre erwarb ich bei der OP 13 Bände „Das große Lexikon in Wort und Bild, Wissen und Bildung“ sowie Bücher des Lingen-Verlages.

Daneben stehen mittlerweile­ die OP-Reports Nr. 6 „Harte­ Jahre für Zonenbürger Marburg 1946/47“ von 1993, Nr. 11 „Die rote Uni“ von 1994, Nr. 13 „Macht in Marburg“ von 1995, und Nr. 14 „Ein Alptraum und sein Ende“ von 1996 sowie das OP-Buch „Meine Geschichte“ von 2011. Ein prall gefüllter Ordner mit den Beiträgen der OP-Serie „Marburg in alten Bildern“ ergänzt die OP-Sammlung.

Ich bin nun die fünfte Generation der Leser der Marburger Zeitungen. Zumindest eine weitere Generation nach mir, und damit die sechste, wird diese schöne Tradition fortsetzen.

von Albert Schmidt

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