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Wurzeln für Pflanzen und Flüchtlinge

OP-Jubiläumsserie: Das wäre mal eine Wurzeln für Pflanzen und Flüchtlinge

Erlebbare Natur mit essbaren Blüten und energiereichen Pflanzen bringt Nicole Kapaun Kindern und Jugendlichen näher. Derzeit macht sie Marburgs Innenstadt mit dem Projekt „Green City Trail“ ein bisschen grüner.

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Nicole Kapaun hat mit Schülern im Garten der Sophie-von-Brabant-Schule Sonnenblumen und Mais gepflanzt. Sie will das Gefühl für den Klimaschutz wecken.

Quelle: Patricia Grähling

Marburg. Im Schulgarten 
der Sophie-von-Brabant-Schule wächst und gedeiht es. Kartoffeln blühen bereits, Sonnenblumen sind in die Höhe geschossen und auch die Kichererbse wächst hier zwischen heimischen Getreidepflanzen.

Mit Schülern der zweiten Klasse hat Nicole Kapaun hier Kartoffeln gepflanzt und mit minderjährigen Flüchtlingen aus Sprachintensivkursen an der Schule hat sie verschiedene Beete angelegt. Da gibt es ein kleines Beet mit verschiedenen Energiepflanzen.

„Die können in einer Biogasanlage vergoren werden, ohne dass es ethische Diskussionen hervorruft“, erklärt Kapaun. Denn es seien keine essbaren Pflanzen, sondern schnellwachsende und energiereiche Alternativen zu Mais.

Im Studium auf Bildungsbereich spezialisiert

Daneben wachsen in einem Beet medizinische Pflanzen, in einem anderen stehen Ölpflanzen wie Mais und Sonnenblumen, daneben wachsen nahrhafte Pflanzen. Auch Tabakpflanzen gibt es in dem grünen Garten an der Schule. „Das ist ein historischer Aspekt“, sagt Kapaun. Denn in Marburg gab es einst eine große Tabakfabrik.

Nicole Kapaun ist Agrar-Ingenieurin, hat in Kassel studiert. Damals schon spezialisierte sie sich auf die Arbeit im Bildungsbereich. „Damals war Renate Künast noch Landwirtschafts-Ministerin“, erklärt Kapaun. Sie habe viele Stellen im Bildungsbereich geschaffen, denn „die Verbraucher sollten wissen, was sie konsumieren“. Unter dem Nachfolger Horst Seehofer habe es Stellen im Bildungsbereich mit grünem Bezug nicht mehr gegeben. „Deswegen habe ich mich selbstständig gemacht.“

Heute engagiert Kapaun sich für das Projekt „Green City Trail“, das Marburgs Innenstadt ein bisschen grüner machen soll, das Flüchtlinge integriert und zugleich bei allen Menschen mehr Bewusstsein für nachwachsende Rohstoffe und Klimaschutz wecken soll. Daneben arbeitet sie für das Kompetenzzentrum „HessenRohstoffe“ und macht Workshops an hessischen Schulen, ebenfalls zum Thema Nachhaltigkeit.

Kapaun arbeitet also nicht nur im Sinne der Natur und des Klimaschutzes, sondern auch im Bildungsbereich für Kinder und Jugendliche. Beim „Green City Trail“ bepflanzt sie mit den Schülern in ganz Marburg Beete und stellt Pflanzkübel vor Geschäfte in der Oberstadt.

Mehr als 20 Orte nachhaltig begrünt

„Wir stellen die passenden Pflanzen zu den Produkten, die ein Laden im Angebot hat, vor deren Geschäft“, erklärt Kapaun. So komme die Tabakpflanze vor einen Tabakladen. Lein hingegen passt vor ein Bekleidungsgeschäft. „Die Arbeit ist schon manchmal abenteuerlich“, sagt die Agrar-Ingenieurin. „Wir haben etwa alle Pflanzen und Töpfe mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewegt.“

Nicht nur die Pflanzen wachsen laut Kapaun bei dem Projekt, sondern gerade die jungen Flüchtlinge. „Sie treten in Kontakt mit Marburgern“, erklärt sie. An verschiedenen Instituten und in Läden fragen die jungen Menschen, ob sie Pflanzen aufstellen oder Beete begrünen dürfen. „So kommen sie ins Gespräch, interviewen die Marburger mit ihrem gebrochenen Deutsch und sind hinterher sehr stolz auf sich selbst.“

Und die Jugendlichen haben viele Gespräche geführt: Mittlerweile wachsen an mehr als 20 Orten in Marburg die nachhaltigen Pflanzen – etwa an der Elisabethkirche, bei der Uni und der Volkshochschule, vor Restaurants und Läden. „Mittlerweile zieht sich das Projekt durch die gesamte Oberstadt“, erklärt Kapaun stolz.

Mit ihren Händen und im Gespräch schaffen die jungen Flüchtlinge für sich echte Erfolgserlebnisse. „Das ist Erlebnispädagogik“, sagt Kapaun. „Die Jugendlichen gewinnen an Selbstbewusstsein und können andere Menschen kennenlernen, sich integrieren.“ Das sei gerade für die jungen Flüchtlinge sehr wichtig: „Man muss sich vorstellen, dass die Orte ihrer Kindheit zerstört wurden. Sie müssen hier neue Wurzeln finden.“

Bewunderung für Lebensfreude vieler Flüchtlinge

Da sei es überlebenswichtig, zu lernen, mit Menschen ins Gespräch zu kommen und Kontakte zu knüpfen. Schließlich hätten auch diese Menschen Träume: „Einer will Arzt werden und ein anderer Anwalt. Aber auch für ein einfaches Bewerbungsgespräch müssen sie erst lernen, mit fremden Menschen zu sprechen.“ Das Pflanzprojekt soll den jungen, fremden Menschen dabei helfen, Ängste zu überwinden.

Aber auch die Agrar-Ingenieurin selbst lerne viel bei dem Projekt: „Diese Flüchtlinge wollen was, sie wollen lernen und eine Zukunft haben. Und das trotz einer Biografie, bei der ich vor Angst das Zähneklappern bekomme.“ Sie bewundere den Mut und die Lebensfreude, aber auch die Genügsamkeit der jungen Menschen.

Der „Green City Trail“ ist aber auch ein kleines Wunschprojekt für Kapaun, denn sie habe schon immer ein eigenes Projekt betreuen wollen, das sich im sozialen Bereich bewege und mit Landwirtschaft zu tun habe. „Es sind beides Bereiche ohne eine starke Lobby. Finanziell ist es daher schwer, solche Projekte umzusetzen und davon zu leben“, sagt die Agrar-Ingenieurin. Daher stecke sie auch viel Ehrenamt in das Projekt: „Schließlich macht es viel Spaß und es ist eine Arbeit, die sinnvoll ist.“

Mit den Ferien ist die Arbeit aber nun in eine Sommerpause gegangen. Danach soll es weitergehen mit vielen Aktionen, etwa dem After-Work-Gardening, Wildkräuterexkursionen oder Aktionen rund um Tiere und Pflanzen.

von Patricia Grähling

 
Hintergrund
Das Land Hessen hat auch in diesem Jahr wieder den Wettbewerb „Ab in die Mitte – die Innenstadtoffensive in Hessen“ ausgeschrieben. Das Motto war in diesem Jahr „Lust auf Grün“. Einer der ­insgesamt elf Preisträger ist die Interessengemeinschaft Bildung für nachhaltige Entwicklung, die für Marburg das Projekt „Green City Trail“ ins Rennen gebracht hat. Bei diesem vom Land geförderten Projekt geht es um Klimaschutz und nachwachsende Rohstoffe. Überall in der Stadt pflanzen die Projektverantwortlichen mit minderjährigen Flüchtlingen und Kindern aus Marburg Schaubeete. Auch gibt es Mitmachaktionen rund um Kräuter, essbare Blüten und natürliche Farbstoffe. In Marburg läuft die Aktion „Green City Trail“ seit dem 1. Mai.
 
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