Navigation:
Ticket-Shop Anzeigen- und Abo-Service

Interview

„Wir sind die lokalen Schatzsucher“

Interaktion und Dialog mit den Lesern ist für Zeitungsmacher unverzichtbar. OP-Chefredakteur Christoph Linne spricht im Interview über Lokaljournalismus 4.0 und technische Möglichkeiten im Arbeitsalltag.
Die Medienwelt ist im Wandel: Für OP-Chefredakteur Christoph Linne ist es klar, dass Lokalzeitungen die neuen Medien und den Dialog mit den Lesern in ihre Arbeit einbinden müssen.

Die Medienwelt ist im Wandel: Für OP-Chefredakteur Christoph Linne ist es klar, dass Lokalzeitungen die neuen Medien und den Dialog mit den Lesern in ihre Arbeit einbinden müssen.

© Nadine Weigel

Marburg. Stefan Wirner, Redaktionsleiter der „Drehscheibe“, hat Christoph Linne für die neue Ausgabe seines Magazins interviewt. Und zwar anlässlich der Fachkonferenz der Bundeszentrale für politische Bildung unter dem Motto Lokaljournalismus 4.0, das in dieser Woche in Gummersbach stattfindet.

Wirner: Herr Linne, was müssen die Verlage unternehmen auf dem Weg in den neuen Lokaljournalismus?

Christoph Linne: Wir sollten zwischen Konsumenten und Produzenten die gleiche Augenhöhe herstellen. Wir tragen die Inhalte zusammen, wir analysieren, bewerten und kommentieren sie, aber wir müssen auch mit Interaktion und Rückmeldung umgehen können. Denn überall, wo ich einen Kanal eröffne, muss ich auch einen Rückkanal schaffen und ernst nehmen, was ich da höre. Das wird uns einen großen Schritt nach vorne bringen.

Wirner: Gab es in dieser Frage in den vergangenen Jahren Versäumnisse?
Linne: Mehr oder weniger unbewusst. In dem Moment, in dem wir daran denken, neue Werkzeuge einzusetzen, muss in den Verlagen erst einmal die Bereitschaft geweckt werden, auch in diese Technologien zu investieren. Oft wird erst abgewartet, wie sich der Markt entwickelt und ausprägt. Erst dann wird die technologische Entwicklung in Angriff genommen. Bis dahin hat sich der Markt manchmal aber schon wieder gedreht.

Wirner: Dauert die Umsetzung technologischer Innovationen in den Verlagen zu lange?
Linne: Eigentlich nutzen wir neue Technologien immer erst dann, wenn wir sie elegant bedienen können. Das hat auch damit zu tun, dass wir vielleicht nicht für jeden Kanal einen Spezialisten im Haus haben, vor allem in kleineren und mittleren Verlagen. Wir sind ja oft als Generalisten am Werk. Und die sollen möglichst alle Kanäle bedienen können. Die Wirklichkeit sieht natürlich zuweilen anders aus. Oft versucht man, mit seinen Möglichkeiten das Beste herauszuholen. An diesem Punkt kippt dann allerdings schnell unser Qualitätsversprechen. Wenn wir sagen, wir wollen Qualitätsjournalismus liefern, und wir wollen Geld für unsere Inhalte haben, dann müssen wir den Usern auch Aktualität und Nutzwert garantieren. Unsere Inhalte können so gut sein wie sie wollen: Wenn wir sie nicht form- und zeitgerecht zuspielen und intuitiv nutzbar machen, dann leidet das Preis-Leistungs-Verhältnis. Wenn sich das Versprechen als PR-Phrase erweist, dann werden wir den Nutzer vergraulen, egal auf welcher Plattform.

Wirner: Wie kann das Versprechen eingelöst werden?
Linne: Die Frage ist: Welcher redaktionelle Ablauf passt in eine ganzheitliche Publishing-Strategie? Wann erreichen wir den Nutzer am besten? Gerade in den sozialen Netzwerken sieht man, dass die Menschen heute zu ganz anderen Zeiten Nachrichten konsumieren als früher. Vieles funktioniert ja heute schon über Zeitsteuerung, sodass wir zu den pendleraffinen Zeiten mit neuen Inhalten vertreten sind. Die Pendler bewegen sich in der Regel zu Zeiten, in denen die kleineren oder mittleren Redaktionen noch gar nicht besetzt sind.

Wirner: Oder nicht mehr.
Linne: Genau. Da ist am frühen Morgen der erste Peak, der zweite zur Mittagszeit setzt dann ein, wenn wir gerade mal die klassische Printproduktion besprochen haben, die Recherche läuft usw. Solche Prozesse müssen wir verändern. Wir versuchen das bei uns auch, zum Beispiel, indem wir Artikel über den Tag hinaus fortschreiben und erst am Ende eines Prozesses die Geometrie für die Printausgabe festlegen. Wir merken auch, dass relativ viel Feedback von außen kommt, sobald wir ein Thema haben, an dem wir dranbleiben, das wir vielleicht online fortschreiben und auf Facebook teilen. Dieses Feedback macht am Ende des Tages auch das Printprodukt besser. Ich vergleiche das mit den Ermittlungen der Polizei. Die ist sich auch nicht zu schade für sachdienliche Hinweise von außen.

Wirner: Was heißt das im Verhältnis zu den Nutzern?
Linne: Wir sollten uns nicht zu schade dafür sein, ihnen zu sagen, was wir gerade tun. Was spricht dagegen, über die sozialen Netzwerke zu verbreiten, woran wir in der Redaktion gerade arbeiten? Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass es keinen interessiert. Das gibt uns aber Anhaltspunkte, ob wir das Thema kleiner oder größer fahren sollten. Dann kann man auch Ressourcen umschichten. Man sollte das Thema auch nicht einen Tag später wieder fallen lassen. Viele Themen sind dafür geeignet, weiterverfolgt zu werden. Wir müssen nicht nur über Analyse und Einordnung sprechen, sondern auch über Hartnäckigkeit. 

Wirner: Sie sagen, Journalisten seien Schatzsucher, die sich oftmals nach etwas Scharren mit den im Sand verstreuten Funden zufrieden geben statt tiefer zu schürfen.
Linne: Ja. Und ich meine das gar nicht selbstgeißelnd. Wir sind ja zuweilen von der Tagesaktualität getrieben. Oft heißt es: Eigentlich müssten wir da noch mal nachlegen, aber heute ist diese Pressekonferenz, morgen ist jene Veranstaltung etc. Sich vom Tagesjournalismus zu lösen und bewusst eigene Akzente zu setzen, das schafft man nicht jeden Tag gleich gut. Von außen kommen eben auch Anforderungen, die unseren Alltag mitbestimmen. 

Wirner: Welche Rolle spielt in diesen neuen Entwicklungen der lokale Inhalt?
Linne: Der lokale Inhalt ist der Hauptgrund, warum wir gegenüber bestimmten Medien, vor allem elektronischen, noch einen Vorsprung haben. Wenn wir uns auf diese unverwechselbaren Themen konzentrieren, die ja nur wir haben, die lokalen Schatzsucher, bewahren wir uns eine sehr gute Perspektive. Der Terminjournalismus wird uns nicht retten. Wir leben von exklusiven und prägnanten Stücken.

Wirner: Mit welchen zukunftsträchtigen Formaten experimentieren Sie bei der Oberhessischen Presse?
Linne: Nach der Umstellung auf ein Reporter-Producer-Modell haben wir versierte Kollegen, die in der Lage sind, Inhalte für mehrere Kanäle aufzubereiten. Die wissen, wie Beiträge vertagged werden, damit sie von Suchmaschinen gut gefunden werden etc. Auf der anderen Seite sind die Schreiber, die sich auf die Inhalte konzentrieren. Die Themen in die Tiefe recherchieren und sie verlängern, auch am zweiten oder dritten Tag fortschreiben, immer öfter in Interaktion mit den Kollegen der Foto- und Videoredaktion. Derzeit etablieren wir außerdem neue Vorschau-Clips für blattbestimmende Themen. Das Schöne an 4.0 ist ja: Noch nie hatten wir als Journalisten mehr Möglichkeiten, uns auszudrücken. Audios, Slideshows, Videos, Liveticker, Livestreams, Daten – wir gewinnen laufend neue journalistische Freiheiten hinzu.

Die „Drehscheibe“ ist ein Forum im Internet und ein Magazin, in dem Ideen und Konzepte verschiedener Lokalzeitungen vorgestellt werden. So tauschen Redaktionen sich untereinander über ihre Ideen aus.


Nächster Artikel
Nächster Artikel
Vorheriger Artikel
Voriger Artikel

Ich und Ich - Marburger im Porträt


Zur Serie Ich und Ich

Prämienshop




Besser Esser & Co.

Mmmm, wie das duftet! Das Rezept für diesen saftigen Stollen finden Sie unten im Text. Foto: Hartmut Berge Besser Esser

Christstollen: Ein Gebäck fürs ganze Jahr

Als die OP Mike Schmidt in der Backstube besucht, riecht es nach Rosinen und Mandeln. Der 39-Jährige macht das, was seine Vorfahren schon vor rund 180 Jahren in der Vorweihnachtszeit praktizierten: Er backt Stollen. mehrKostenpflichtiger Inhalt

In 12 Schritten zum perfekten ChriststollenGalerie   



Das Buch zur Serie Besser Esser


Das Besser Esser Buch mit 70 regionalen Rezepten.




  • Sie befinden sich hier: Interview – „Wir sind die lokalen Schatzsucher“ – op-marburg.de