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Wie die alten Römer schmiedeten

Das wäre mal einer Wie die alten Römer schmiedeten

Geschichte und Handwerkskunst sind die Leidenschaften von Martin Becker. Die hat er in einem außergewöhnlichen Hobby vereint: Er schmiedet historische Gegenstände detailgetreu nach.

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Quelle: Patricia Grähling

Mornshausen. Schon als kleiner Junge war Martin Becker von der Geschichte fasziniert. Mit seinen Eltern zog er durch Museen, was er gar nicht öde fand. Stattdessen begeisterte er sich für die Messer, Lanzen und Schwerter. „Im Römerkastell Saalburg war eine Vitrine mit tollen Abbildungen“, erinnert der gelernte Werkzeugmacher sich zurück. Da sei es um ihn geschehen. „Ich wollte unbedingt auch so ein Messer“, erzählt er. Sein Papa beherrschte die Schmiedekunst - aber der dachte gar nicht daran, seinem Sohn ein Messer zu fertigen. „Mein Vater hat mir früh gesagt, dass ich sowas selbst machen muss, wenn ich es haben will.“ Unter Anleitung seines Vaters hat er daher schon mit fünf Jahren das Schmieden gelernt.

Mit dem Älterwerden blieb bei Becker nicht nur die Liebe zur Handwerkskunst, sondern auch die Faszination für die Geschichte. Er schnupperte in den Bereich des „Reenactment“ hinein - und blieb hängen. Beim „Reenactment“ versuchen Menschen, historische Gegebenheiten möglichst originalgetreu nachzustellen. Die Kostüme, die Alltagsgegenstände - alles soll authentisch sein. „Und alles entspricht den aktuellen archäologischen Erkenntnissen“, betont Becker. Es gehe um das Nachstellen historischer Tatsachen zu einem bestimmten Zeitpunkt.

Becker selbst war in verschiedenen historischen Zeiten unterwegs, beispielsweise im Mittelalter. Wirklich hängen geblieben ist er aber irgendwann bei den Römern und den Germanen. Für beides besitzt er heute authentische Kostüme, Waffen und Alltagsgegenstände, wie Gewandfibeln oder Schuhe.

„Die Römer sind einfach spannend, denn sie sind mit uns verbunden und haben hier überall ihre Spuren hinterlassen“, sagt Becker, der anfangs als römischer Soldat umherzog. „Dann habe ich gemerkt, dass die Militärdarstellung zwar hübsch, aber uninteressant für mich ist.“ Becker wollte wissen, wie der normale Römer gelebt hat, welche Mittel und Werkzeuge er hatte und wie diese hergestellt wurden. „Da habe ich mich zwangsläufig mit der Herstellungsprozedur beschäftigt und versucht, sie nachzuahmen“, sagt der Mornshäuser. Er wechselte vom Soldaten-Kostüm zum Schmied. „Und ich war überrascht, denn die Römer und vor allen Dingen die Germanen waren im Handwerk oft viel geschickter als wir es heute sind.“

Im echten Leben wollte der Mornshäuser immer Schmied oder Soldat werden. „Bei der Bundeswehr hat sich mein Interesse für Militär dann auch schlagartig in Luft aufgelöst“, scherzt er. Und Schmied: „Es ist ein aussterbender Beruf“, begründet er. Also entschied er sich für den Beruf des Werkzeugmachers. „Bereut habe ich es bis heute nicht. Es ist interessant und vielseitig.“

Und das Schmieden ist dem Familienvater ja als Hobby geblieben. Er schmiedet jedoch nicht irgendetwas - er repliziert archäologische Funde, arbeitet dabei nach Fundberichten, möglichst auf den Millimeter genau. „Ich will ja die Geschichte darstellen und nicht verfälschen“, betont Becker. Deswegen baut er Messer, Fibeln und andere Dinge auch samt ihren Fehlern nach. Das Schwert für sein Kostüm hat er etwa mit winzigen Punzen bearbeitet, um Muster hineinzutreiben - ganz wie im Original. Dabei findet er manchmal auch einiges über längst vergessene Schmiedetechniken heraus. Wenn er etwas nachbilden will und es mit den üblichen Techniken nicht klappt, probiert er und probiert weiter. „Und manchmal finde ich eine Möglichkeit, das Metall zu verzieren, die viel einfacher ist, als das was wir kennen.“

Derzeit fertigt der Schmied noch ein Geschirr für sein Pferd. Denn wenn er bei einer Veranstaltung einen Germanen mimt, stellt er einen Kavalleristen dar. „Das Geschirr wird sehr prunkvoll“, verrät er. Wenn er es nicht selbst herstellen könnte, wäre es viel zu teuer. Auch so verschlinge das gesamte Zubehör viel Material.

Becker ist nicht nur bei Treffen von Geschichtsfreunden unterwegs, um dort als römischer Schmied zu leben. Er arbeitet nebenberuflich auch als museumspädagogischer Dienstleister, wird von Museen gebucht, um dort den Besuchern die Schmiedekunst zu zeigen. So ist er etwa regelmäßig bei dem Freilichtmuseum „Zeiteninsel“ in Argenstein zu Gast. „Bei mir dürfen die Kinder dann auch mal das Schmiedefeuer bedienen und selbst etwas Schmieden“, sagt er. Das komme immer gut an. Auf bis zu 17 Veranstaltungen ist er daher im Jahr als Schmied unterwegs. Hinzu kommen die Treffen der „Reenactment“-Szene. „Meine Frau und meine Tochter haben da aber auch Spaß daran und so können wir das Hobby teilen und da zusammen hinfahren“, sagt er. Das sei ihm nämlich wichtig - die Zeit mit der Familie. Zumal er manchmal daheim in seiner Schmiede verschwindet und nicht vor Mitternacht wieder herauskomme. „Wenn ich anfange etwas zu Schmieden, dann packt es mich so, dass ich die Zeit vergesse“, verrät Becker.

Neben der Schmiede befasst er sich nämlich auch noch mit der Geschichte im Allgemeinen, hat sich bis zur jüngeren Gegenwart damit auseinandergesetzt. „Je mehr man sich mit der Geschichte auskennt, desto mehr kann man in der Gegenwart interpretieren und für die Zukunft einschätzen“, erklärt der Mornshäuser. So sei Cäsar bei den Römern nur an die Macht gekommen, weil es dem Volk damals sehr schlecht ging, es mit der Politik unzufrieden war. Ähnlich sei es bei Napoleon und Hitler gewesen. „Es gibt Parallelen bis in die Gegenwart“, sagt Becker. „Dem Volk geht es schlecht und dann kommen Extremisten und schüren Hass.“

Renè Goscinny besucht den Schmied zuhause

Dabei sei es so einfach, friedlich zusammenzuleben: Bei den Treffen der historischen Darsteller kommen laut Becker Menschen aus der ganzen Welt zusammen, reden, scherzen, lachen am Lagerfeuer. „Das Hobby verbindet ganze Völker. Und auch die Römer haben sehr lange ganze Völker verbunden.“ Rund 90 Prozent der Bewohner des Weltreichs seien keine Römer gewesen - „es ist gigantisch und es hat funktioniert“, sagt er begeistert.

Becker zieht auch praktischen Nutzen aus seinen Hobbys, von denen seine Familie profitiert: So habe seine Tochter schon mit dreieinhalb Jahren mit seiner Hilfe erste Erfahrungen beim Schmieden gesammelt. Und sie hat immer die tollsten Spielzeuge: Ihr Papa baut Themenwelten aus Holz und gießt passende Spielfiguren aus Metall. So kam es auch, dass Renè Goscinny, Comicautor von „Asterix und Obelix“ bei ihm in Mornshausen vorbeischaute: „Er hat bei einer Veranstaltung zufällig den von mir gegossenen Schmied Automatix gesehen und war total begeistert.“ Er kam mit zu Becker nach Hause, um sich die ganze Schar der Figuren und die Häuser anzusehen. Der Schmied beschenkte ihn dann mit einem römischen Kastell - und für seine Tochter baute er dann neue Spielzeuge.

von Patricia Grähling

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