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Viel mehr als nur ein Kaminkehrer

Berufe im Wandel der Zeit Viel mehr als nur ein Kaminkehrer

Schornsteinfeger machen heute mehr, als bloß Kamine zu kehren. Sie sind zugleich Energieberater und kontrollieren die Umsetzung von gesetzlichen Vorgaben rund um den Energieverbrauch bei ­Heizungsanlagen.

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Der Schornsteinfeger Axel Bretthauer kehrt die Kamine in Kirchhain. Darüber hinaus berät er auch in Energiefragen und überprüft die Umsetzung von Verordnungen.

Quelle: Patricia Grähling

Amöneburg. „Wenn wir bei der reinen Schornsteinfegerarbeit geblieben wären, würde es uns heute nicht mehr geben“, erklärt Schornsteinfeger Axel Bretthauer. Es gebe zu wenig Kamine, die regelmäßig gekehrt werden müssen, um von der Arbeit eine Familie ernähren zu können. „Damals in der DDR wurde viel mit Braunkohle geheizt. Die Kamine mussten mindestens acht Mal im Jahr gereinigt werden“, erklärt er.

Ein Holzofen im Eigenheim müsse heute maximal zwei Mal im Jahr gekehrt werden. „Dem Berufszweig kamen die 70er-Jahre mit der Ölkrise zugute.“ Damals entwickelte sich erst der Sinn - und der Zwang - für das Sparen von Energie. Neue Verordnungen verpflichteten die Menschen erst dazu, mit Öl sparsam umzugehen. „Und irgendjemand musste ja vermessen und überprüfen, ob diese Verordnungen auch eingehalten werden“, erklärt Bretthauer. Den Auftrag bekamen dann die Schornsteinfeger.

„Heute kommen wir immer mehr in die Beratungstätigkeit“, erläutert der 46-Jährige weiter. Die Gespräche mit Kunden nehmen den größten Teil seiner Arbeitszeit ein. Dabei gehe es um Aufklärung über neue Verordnungen, um die Umsetzung, um Beratung, wenn ein neuer Kaminofen gekauft werden soll oder auch um den Energiepass für das Haus.

Vom bloßen Kaminkehrer entwickelte der Beruf sich also weiter zum Dienstleister rund um Heizung und Energie. Der im Mittelalter noch umherziehende Schornsteinfeger wurde jedoch auch im Laufe der Zeit sesshaft, bekam eigene Bezirke zugeteilt. „In einem Bezirk haben nur ein Bezirksschornsteinfegermeister und ein Mitarbeiter oder Auszubildender gearbeitet“, erklärt Bretthauer. Der Meister war dabei verpflichtet darauf zu achten, dass in seinem Bereich alle gesetzlichen Vorgaben ausgeführt wurden.

Auch hoheitliche Aufgaben auf dem Dienstplan

Das ging bis 2010 so. Dann monierte die EU, dass es in Deutschland keinen Wettbewerb in dem Bereich gebe. „Das Schornsteinfegergesetz wurde dann so umgemodelt, dass wir nun freie Dienstleister sind.“ Damit ging aber auch die Verantwortung für die Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben vom Bezirksschornsteinfegermeister auf den Hausbesitzer über. Laut Bretthauer bekommt ein Hausbesitzer nun also einen Feuerstättenbescheid, der vier Jahre Gültigkeit hat. Nach Ablauf der Zeit muss der Hausbesitzer sich nun eigentlich selbst darum kümmern, einen Schornsteinfeger zu rufen, der Heizung und Schornstein vermisst und überprüft.

Im Bezirk, den Bretthauer betreut, muss der Hausbesitzer durch den EU-Wettbewerb nun nicht mehr „seinen“ Schornsteinfeger für die Messungen beauftragen, ebenso wenig für die Reinigung von Schornsteinen. „Aber ich habe auch nicht erlebt, dass Dienstleister aus anderen Ländern der EU herkommen und die Arbeit übernehmen.“

Es gibt jedoch noch einige sogenannte hoheitliche Aufgaben, die Bretthauer in seinem Bezirk Kirchhain und zwei Dörfern in Burgwald im Landkreis Wal­deck-Frankenberg alleine ausführt - ohne dass Wettbewerber das übernehmen dürften. Er macht die „Feuerstättenschau“, klärt Hausbesitzer über veränderte Vorschriften auf, etwa bei der Nachrüstverpflichtung für Kaminöfen oder nimmt neue Heizungen oder Kamine ab. Auch kontrolliert er den Feuerschutz rund um Ölheizung, Gasheizung und Kaminofen. „Ein Bezirk wird aber alle sieben Jahre europaweit neu ausgeschrieben, es kann sich jeder darauf bewerben“, erklärt er.

Charakteristisch ist für die Schornsteinfeger noch heute ihre schwarze Kleidung mit den goldenen Knöpfen, dem Zylinder und dem weißen Halstuch. „Jeder erkennt unseren Berufsstand sofort auf der Straße“, sagt er. Zugleich habe die Kleidung auch eine Schutzfunktion und sei so gestaltet, dass Ruß nicht durch die Ärmel gelange. Das Halstuch habe einst die Funktion eines Mundschutzes gehabt. „Heute krabbelt aber auch niemand mehr in einen Schornstein und kratzt die Rauchrückstände heraus“, erklärt er. Dafür seien moderne Kamine und Schlote an Heizungen auch viel zu klein. Stattdessen reinige der Schornsteinfeger die Kamine mit einer großen Auswahl an verschiedenen Besen.

Kaminkehrer suchen Auszubildende

Doch obwohl der Kaminkehrer nicht mehr in den Schlot krabbeln muss, haben die Schornsteinfeger laut Bretthauer große Nachwuchssorgen. Er selbst suche schon länger einen Auszubildenden. Derzeit gebe es im Landkreis 27 Bezirksschornsteinfeger und drei Auszubildende. „Wir haben die gleichen Probleme wie andere Handwerker“, erklärt der Amöneburger. „Wir zahlen geringere Löhne als die Industrie.“ Ihm sei es aber sehr wichtig, die Zunft zu erhalten und sein vielfältiges Wissen weiterzugeben.

„Die Kunden haben heute ja auch immer spezifischere Fragen und da müssen wir gut ausgebildet sein.“ Kunden wollten Tipps, wie sie Energie sparen können oder ob es sich schon lohne, den Heiz­kessel auszutauschen oder welcher neue Ofen sich gut für den eigenen Bedarf eigne. „Der typische Kunde baut im Alter zwischen 30 und 40 ein Haus und hat viele Fragen. Er musste sich ja vorher nie damit auseinandersetzen“, sagt Bretthauer. Sein Vorteil als reiner Dienstleister sei dann, dass er den Kunden produktunabhängig beraten könne.

Seinen Job liebt Bretthauer seit dem ersten Tag, denn es gebe keine Langeweile, er habe mit unterschiedlichsten Menschen zu tun. „Wenn ich irgendwo klingele, weiß ich nie, was als nächstes passiert.“

von Patricia Grähling

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