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Traumberuf mit schlechten Aussichten

Der Beruf der Hebamme Traumberuf mit schlechten Aussichten

Als Hebamme begleitet Karin Danhof Frauen in einem ganz besonderen Lebensabschnitt: Von der Schwangerschaft, über die Geburt, bis in die ersten Wochen des neuen Familienglücks hinein.

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Karin Danhof ist Hebamme aus Leidenschaft. Im Marburger Geburtshaus hilft sie im Jahr rund 40 Kindern auf die Welt.

Quelle: Ina Tannert

Marburg. Im Team zu arbeiten, in einem abwechslungsreichen Beruf mit einer persönlichen Note, statt bloß nüchtern den Arbeitsalltag zu bewältigen - das war und ist Karin Danhof schon immer wichtig. Ihren Traumberuf fand sie dort, wo das Leben nicht nur brodelt, sondern auch entsteht - in der Geburtshilfe. Sie ist Hebamme im Geburtshaus Marburg, ist Förderer, Begleiter, Vermittler und Wegweiser in einem. Ihre berufliche Laufbahn begann dabei in einer ganz anderen Richtung.

Gebürtig stammt die 40-Jährige aus Bad Neustadt an der Saale in Unterfranken. Ihre ersten Schritte in die Arbeitswelt machte sie im Kulturbereich, sie studierte Musik, entschied sich jedoch schnell „nach einem richtigen Beruf zu suchen“, erzählt sie mit einem Schmunzeln. Über den Beruf Hebamme stolperte sie dabei eher zufällig bei der Berufsberatung der Arbeitsagentur.

Gefüttert mit ihren Daten, beruflichen Wünschen und Zielen spuckte der Computer den vermeintlichen Traumjob aus - und behielt recht. Bis heute ist Karin Danhof glücklich über ihre Entscheidung, freut ich stets aufs Neue „in einer prägenden, positiven Phasen des Lebens eng mit Menschen zusammenzuarbeiten“.

Mit 23 Jahren absolvierte sie ein erstes Praktikum in Nürnberg, entschied sich im Anschluss für eine Ausbildung zur Hebamme. Die empfand sie als „sehr klinisch und anstrengend“, die Arbeit im Krankenhaus sagte ihr weniger zu, war ihr Ziel doch immer, „frei und einfach anders arbeiten zu können“, erzählt die leidenschaftliche Hebamme. Viel mehr lag ihr da die Tätigkeit als Freiberufler, in Geburtshäusern oder auch die Betreuung von heute seltenen Hausgeburten.

Direkt nach der Ausbildung konnte sie auch privat ganz besonders viel Erfahrung für ihren neuen Beruf sammeln: Ihre Tochter Johanna kam zur Welt. „Nach der Theorie kam gleich die Praxis“, erzählt die zweifache Mutter lachend.

Im Jahr 2005 zog es sie nach Marburg, dort fand sie gleich mehrere Gleichgesinnte und arbeitete mit anderen Hebammen in einer Praxisgemeinschaft zusammen. Als Teil eines „tollen Teams“ begleitete sie fortan zahlreiche werdende Mütter während der Schwangerschaft, im Wochenbett oder als Kursleiterin - allerdings ohne eigentliche Geburtshilfe.

Zu diesem Teil ihres Berufes, Neugeborenen auf ihrem Weg ins Leben zu helfen, entschied sie sich vor einigen Jahren wieder, nahm damit erneut anstrengende Bereitschaftsdienste, Abend- und Nachtarbeit auf sich. Seit vier Jahren arbeitet sie im Geburtshaus Marburg, begleitet heute etwa 40 Geburten im Jahr. Trotz aller Erfahrung ist es für sie immer „ein ganz besonderer Moment, wenn ein Kind zur Welt kommt“, freut sie sich.

Viele Hebammen geben wegen hoher Kosten auf

Die 40-Jährige ist glücklich, eine „so schöne Arbeit“ in einem funktionierenden Team gefunden zu haben, das sie liebevoll einen „tollen Frauenhaufen“ nennt. Die ausführliche Beratung und eine persönliche Betreuung der werdenden Mütter ist ihr sehr wichtig. Als Hebamme berät sie die Frauen in allen Lebenslagen, von der Vorsorge bis zur Ernährung, zum Teil bereits ab dem ersten, positiven Schwangerschaftstest, wenn die Arzttermine noch weit auseinanderliegen - „das ist sehr früh, aber gerade in dieser Zeit fallen viele Fragen an“, weiß sie aus Erfahrung.

Parallel ist sie Yogalehrerin, leitet Geburtsvorbereitungskurse und etablierte den Kurs „Mama-Baby-Yoga“. Daneben beschäftigt sie sich mit Akupunktur und der chinesischen Heilkunst.

Wofür auch immer sich ihre Kundinnen entscheiden, jede Betreuung ist anders und immer wieder spannend - „einfach eine sehr schöne und persönliche Arbeit“, schwärmt Karin Danhof. Sie hat ihren Wunschberuf gefunden, auch wenn dieser sich in den vergangenen Jahren wirtschaftlich „ins Negative“ entwickelte, erinnert sie sich an die vergangene Protestwelle. Seit Jahren steigen die Versicherungsprämien der Berufshaftpflichtversicherung für freie Geburtshelfer, bei stets befristeten Versicherungsverträgen - ein Hebammen-Schwund, massive Proteste und Demonstrationen waren die Folge, auch auf Marburgs Straßen. Seitdem gab es anhaltende Verhandlungen, Gerichtsverfahren, Kompromisse - „unterm Strich hat sich nicht viel verändert“, findet sie. Nach wie vor seien Unzufriedenheit und Unsicherheit innerhalb des Berufsstandes hoch, „es gibt keine langfristige Planungssicherheit, der wirtschaftliche Druck ist immer spürbar“, sagt Karin Danhof.

Die Folge: Viele Hebammen hängen ihren Beruf an den Nagel, besonders in Marburg fällt ihr ein zunehmender Mangel an außerklinisch arbeitenden Geburtshelfern auf. Immer weniger entscheiden sich für einen anstrengenden Beruf mit langen Arbeitszeiten und teils 24-Stunden-Rufbereitschaften, hoher Verantwortung, bei wenig Gehalt. Insbesondere bei der wichtigen Wochenbettbetreuung herrsche ein hoher Personalmangel. Die „Verlierer des Ganzen“ seien dabei vor allem die Familien und Kinder, die eigentlich eine besondere Nachbetreuung benötigen.

Trotz aller Hürden ist und bleibt ihre verantwortungsvolle Arbeit jedoch der Traumberuf von Karin Danhof. Das sie für diesen oft rund um die Uhr erreichbar sein muss, ihr Leben daher auch privat „wenig planbar“ ist - damit hat sie sich arrangiert. Das ist mit ein Grund für sie, im Privaten auch gerne mal Verantwortung und Rolle abzugeben, sich eher auf die kleinen, schönen Momente im Leben zu konzentrieren: „Jetzt ist jetzt - man muss auch mal für den Augenblick leben und alles so nehmen wie es eben kommt“.

von Ina Tannert

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