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Traumberuf: Biodynamischer Bauer

OP-Jubiläumsserie: Das wäre mal einer Traumberuf: Biodynamischer Bauer

Der 27-jährige Clemens Gabriel wird nächstes Jahr den Bauernhof seiner ­Eltern übernehmen. Das schenkt ihm ungeahnte Freiheit – die nutzt er etwa, um in Skandinavien eine Ausbildung für Junglandwirte aufzubauen.

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Clemens Gabriel ist ein „Hofkind“, hat Landwirtschaft gelernt und studiert. Noch reist er durch ­Europa, will aber in Stedebach sesshaft werden und den Hof seiner Eltern übernehmen.

Quelle: Patricia Grähling

Stedebach. Clemens Gabriel ist auf einem Bauernhof aufgewachsen – in Stedebach, einem Ortsteil der Gemeinde Weimar mit weniger als 20 Einwohnern und viel mehr Kühen.

„Ich musste nie auf dem Hof helfen und ich muss ihn auch nicht übernehmen“, sagt Gabriel. Rückblickend erkennt er, dass er mit 17 Jahren – kurz bevor er Abitur an der Freien Waldorfschule Marburg machte – plötzlich Interesse an der Landwirtschaft entwickelte.

Und obwohl Gabriel sich immer noch im Unklaren über seine eigene Zukunft war, entschied er sich für eine Ausbildung an einer landwirtschaftlichen Berufsschule in den Niederlanden. Diese Schule lehrt laut Gabriel die biologisch-dynamische Landwirtschaft nach dem anthroposophischen Weltbild Rudolf Steiners, des Begründers der Waldorfschulen.

„Ich konnte mich intellektuell beschäftigen, mit philosophischen Fragen und dabei vieles über Landwirtschaft lernen“, erklärt Gabriel. „Diese Kombination hat mich nach Holland gelockt.“ 2011 ging es für Gabriel dann an die Fachschule für ökologischen Landbau in Kleve, wo er mit dem Titel „staatlich geprüfter Agrarbetriebswirt/Techniker“ abschloss.

In der Schweiz leitet Gabriel Workshops

Immer wieder reiste Gabriel durch Europa, arbeitete auf Höfen von Freunden mit, machte neue Erfahrungen. „In der Schweiz war ich in den Bergen und habe von Hand Heu gemacht“, erzählt der 27-Jährige.

Der junge Bauer aus dem kleinen Dorf in Hessen lernt aber nicht nur für sich und für die Zukunft auf dem eigenen Hof. Er kümmert sich auch um die biologisch-dynamische Ausbildung anderer Landwirte: Bei der anthroposophischen Landwirtschaftstagung in der Schweiz hilft er bei der Organisation und macht Workshops.

Auch in Deutschland treibt er die Bewegung an, indem er mit Freunden Seminare und Tagungen anbietet. „Mir macht die Erwachsenenpädagogik Spaß“, begründet der 27-Jährige. Er habe eine Ausbildungsberechtigung, wolle später auch selbst auf seinem eigenen Hof ausbilden.

Derzeit plant er mit Gleichgesinnten Existenzgründerberatungen für künftige Landwirte. Außerdem ist er im „Öko Junglandwirte-Netzwerk“ aktiv, organisiert eine jährlich wachsende Tagung: „Anfangs waren wir 40 Junglandwirte. Mittlerweile müssen wir nach 120 Anmeldungen einen Strich ziehen und der Hälfte der Interessenten absagen“, erzählt er.

Das Netzwerk sei sehr gefragt, da es derzeit überall in Deutschland in der „Bioszene“ einen Generationenwechsel gebe. Daher haben die jungen Bauern auch ein erstes Kontaktforum zum Thema Hofübergabe organisiert. „Das ist ein schweres Thema. Junge Landwirte können nicht einfach einen Hof kaufen.“

Maschinen, Land und Gebäude seien eine große Investition. Auf der anderen Seite hätten Hofbesitzer Probleme, wenn kein Familienmitglied den Hof übernehmen könne oder wolle. „Das ist ein ernstes, existenzielles Thema.“ Einige Kontakte zwischen jungen und alten Landwirten hätten sich durch diesen Einsatz nun jedoch ergeben.

„Haben guten Austausch mit Berufsschulen“

Im Jahr 2012 ist Gabriel mit einer Bekannten durch Skandinavien gereist: „Dort wollten wir der biodynamischen Bewegung neuen Schwung geben“, erklärt er. In zwei Monaten besuchte das Team 100 Bauernhöfe, sprach mit den Landwirten über deren Arbeit, Wünsche und Probleme. „Aber auf Basis der Interviews haben wir eine Bio-Ausbildung auf privater Basis ins Leben gerufen.“

Lehrlinge und Praktikanten aus allen skandinavischen Ländern kommen freiwillig und ohne staatliche Anerkennung zu den Blockseminaren, die Gabriel mitorganisiert. „Dabei haben wir ohne Expertise einen Lehrplan geschrieben und Geld gesammelt“, sagt der Stedebacher. Man brauche zwar einen langen Atem und politische Unterstützung fehle dem Team, aber Gabriel gibt sich geduldig: „Wir haben schon einen guten Austausch mit den Berufsschulen“.

Seine Arbeit in Skandinavien bezeichnet der junge Bauer als Pionierarbeit. „Aber es ist klar, dass ich es nur auf Zeit mache und meinen Ausstieg vorbereite.“ Ein Verein trage das Projekt mittlerweile, es gebe eine erste Teilzeitstelle. Denn Gabriel hat sich schon ein neues Ziel gesetzt: Er will nächstes Jahr den Hof seiner Eltern übernehmen. „Das Gefühl hat sich irgendwann ergeben“, sagt er. Wann? Das wisse er selbst nicht so genau.

„Ich habe irgendwann einfach gemerkt, dass ich ,Ja‘ gesagt habe, wenn mich Bekannte fragten, ob ich mal den Hof meiner Eltern übernehmen will.“ Das habe ihm große Freiheit geschenkt, denn viele seiner Weggefährten haben keinen Hof in der Familie, müssen eine Arbeitsstelle finden. „Ich weiß genau, was ich ab nächstem Jahr mache. Das schenkt mir eine feste Orientierung im Leben.“ Deswegen reise er jetzt und engagiere sich stark in der biodynamischen Bewegung – „denn später will ich Bauer werden“.

Dann übernimmt Gabriel Verantwortung für 55 Kühe ( Foto: Grähling) und rund 120 Hektar Land. Umstellen wolle er aber nicht viel: „Ich übernehme einen Hof mit festen Absatzstrukturen und einer guten Infrastruktur. Und ich bin sehr stark auf einer Linie mit meinen Eltern“, erklärt der Junglandwirt. Dessen Eltern bewirtschaften den Hof seit 1979 und waren von Beginn an Mitglied des Verbands Demeter, der auf ökologischen Landbau nach anthroposophischen Grundlagen setzt.

Verändert hat Gabriel aber etwas: „Ich habe die Zucht der Kühe in die Hand genommen“, erklärt er. Die Herde sei nun groß genug, um selbst zu züchten, ohne Genmaterial von außen einzukaufen. Wichtig sind Gabriel gemäß Steiners Weltbild kleine und geschlossene Kreisläufe auf seinem Hof. „Außerdem sind Kühe eine Leidenschaft von mir“, sagt der 27-Jährige. Ihm sind die Kühe so wichtig, wie anderen Menschen Pferde oder der Hund.

Ein bisschen Freiheit für Ausbildung und Organisation will Gabriel sich aber auch in Zukunft gerne wahren: „Ein Freund, der noch studiert, steigt vielleicht bei mir ein.“ Dann trägt der junge Bauer nicht die ganze Last eines großen Hofes im kleinen Stedebach auf seinen Schultern.

von Patricia Grähling

 
Hintergrund
Die biologisch-dynamische Landwirtschaft bezeichnet eine Landwirtschaft nach anthroposophischen Grundsätzen. Grundlage für diese Art von Viehzucht, Ackerbau und Landschaftspflege ist das Weltbild von Rudolf Steiner, dem Begründer der Waldorfschulen. Nach diesem biodynamischen Prinzip müssen beispielsweise Rinder in einem Betrieb gehalten werden. Deren Mist dient im landwirtschaftlichen Kreislauf als Dünger. Generell sollte ein solcher Betrieb vielfältig und abwechslungsreich produzieren, um so für Artenvielfalt, Naturschutz und eine stabile Umwelt zu sorgen. Außerdem wird auf den Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln verzichtet.
 
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