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Tomaten mit Mengenbegrenzung

Das wäre mal eine(r) Tomaten mit Mengenbegrenzung

Mit einer guten Apfel­ernte von Opas Obstbäumen hat alles angefangen: Harry Kull gehört seit über 30 Jahren zu den Händlern auf dem Marburger Wochenmarkt. ­Seine Produkte baut er in Bioqualität selber an.

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Tomaten hat der Gemüsebauer Harry Kull am liebsten: Er zieht sie selbst an – vom Samenkorn bis hin zur Ernte.

Quelle: Patricia Graehling

Dreihausen. Aromatische Tomaten, knackiger Salat und duftender Basilikum vom Feld: Am Marktstand des Gemüsebauern Harry Kull reihen sich Obst, Gemüse und ganz viele Salatsorten aneinander - alles in Bioqualität. Hinter den frischen Waren steht Kull selbst, gemeinsam mit fünf weiteren Helfern. Sie nehmen sich Zeit für die Kunden, die oft Schlange stehen; tauschen Tipps und Rezepte aus. Es ist ein typischer Markttag, den Harry Kull seit 30 Jahren mitmacht - jeden Mittwoch und jeden Samstag.

An den anderen Wochentagen kümmert Kull sich nicht um Kunden, sondern um sein Gemüse. Der 59-Jährige ist gelernter Baumschulgärtner und hat sich den Gemüseanbau selbst beigebracht. Auf rund 1,5 Hektar Land hegt und pflegt er täglich seine Erzeugnisse: Dort steht Basilikum in einer ordentlichen Reihe, daneben wächst Mangold, der schon bald in den Auslagen am Marktstand landen wird.

Auf einem anderen Feld am Waldrand wächst der Salat. Den muss Kull an heißen Tagen schon morgens um 6 Uhr ernten und ins Kühlhaus bringen, damit er knackig bleibt. „Und ich musste Netze darüber spannen. Denn die Rehe essen meinen jungen Salat auch sehr gerne - vor allen Dingen die bitteren roten Salate“, erklärt er. Auch über seine 7000 Stück Porree wird Kull bald ein Netz spannen müssen, um die Ernte vor der sogenannten Lauchminierfliege zu schützen.

Kull baut viele Salate und Gemüsesorten an - jeweils in kleinen Mengen. „Ich verkaufe sie nur an meinem eigenen Stand auf dem Wochenmarkt“, erklärt er. Und für seine Kunden brauche er eine gute Auswahl.

"Vom Samenkorn bis zur Ernte alles unter meiner Kontrolle"

Von einem Gemüse hat Kull aber mehr als genug: „Tomaten sind mein Steckenpferd. Die baue ich auch mit 80 Jahren noch an, weil ich das einfach am besten kann“, erklärt der Direktvermarkter. In einem riesigen Gewächshaus reihen sich 800 Tomatenpflanzen vier verschiedener Sorten aneinander. „Mit den Tomaten habe ich die meiste Arbeit. Sie brauchen täglich Aufmerksamkeit“, erklärt Kull. Andererseits brächten sie ihm auch das meiste Geld ein - insbesondere seine aromatische Hauptsorte „Campari“. Bei seinen Sorten übernimmt er selbst die Anzucht: „So ist vom Samenkorn bis zur Ernte alles unter meiner Kontrolle.“

Für einen Marktstand seiner Größe habe er eigentlich zu viele Tomaten, aber „ich musste noch nie etwas wegwerfen“. Viele Kunden kämen alleine wegen dieser „Liebesäpfel“, wie sie auch genannt werden. Die Nachfrage zu Beginn der Saison sei so groß, dass er die Menge, die ein Kunde kaufen dürfe, zunächst immer begrenzen müsse. „Das fanden viele Kunden am Anfang komisch. Aber so wissen alle, dass sie auch mittags noch einige frische Tomaten bekommen“, erklärt er. Und da er immer im Gespräch mit seinen Kunden ist und viel erklärt, ernte er auch viel Verständnis.

Kull ist seit 1983 Gemüsebauer. 15 Jahre lang habe er nur eigene Produkte in den Auslagen am Marktstand gehabt. „Aber meine Kunden fragten auch nach Zitronen und Bananen“, erklärt der Dreihäuser. So habe er angefangen, über den Bioladen in Dreihausen beim Großhandel mitzubestellen und sein Sortiment zu erweitern - natürlich alles in Bioqualität. Denn Kull ist Biobauer aus Überzeugung: „Ich könnte nichts anderes mehr essen und arbeiten“, erklärt der Dreihäuser, während er sich in liebevoller Handarbeit um seine Pflanzen kümmert.

„Teile meines heutigen Lands habe ich vor zwölf Jahren gekauft. Da waren sie noch konventionell bewirtschaftet“, erklärt der Gemüsebauer. „Einige Jahre ist da überhaupt kein Unkraut gewachsen“, erklärt er, während er selbiges zwischen dem Mangold sorgfältig herauszieht. „Heute habe ich wieder natürliche Böden - mit Unkraut.“

Äpfel vom Tapeziertisch weg verkauft

Seine Berufung zum Gemüsebauer fand Kull eigentlich eher zufällig: Die Bäume seines Großvaters trugen Anfang der 80er-Jahre sehr viele Äpfel. Die habe Kull in sein Auto geladen und am Richtsberg Klinken geputzt. „Ich habe fast nichts verkauft“, so der Dreihäuser. Aber er gab nicht auf, sondern ging auf den Wochenmarkt in Gießen, verkaufte das Obst vom Tapeziertisch weg. „Im Winter habe ich mir dann überlegt, Gemüse anzubauen.“ Land und ein kleiner Schlepper habe der Vater noch gehabt - und so halfen die Eltern mit. „Meine Mutter hat mir viel über Gemüse beigebracht und so haben wir jedes Jahr mehr angebaut.“ Und irgendwann habe die Familie davon leben können.

Auf den Markt will er noch lange selber fahren. „Das ist für mich der Ausgleich zu der Arbeit auf dem Feld“, erklärt er. „Es ist auf dem Markt so wunderbar archaisch. Es wird noch mit Bargeld gezahlt und wir füllen eine kleine Lücke im Lebensmittelhandel-Boom der Discounter.“ Natürlich sei sein Gemüse teurer als im Supermarkt - aber die Qualität sei auch höher. „Die meisten Leute könnten sich bessere Lebensmittel leisten. Aber leider haben Lebensmittel bei uns nicht den Stellenwert, den ich für richtig halte“, kritisiert Kull. Für Autos werde das beste Öl gekauft, während der Körper oftmals mit günstigen Lebensmitteln angetrieben werde. Dabei halte gutes Essen den Menschen gesund.

Kull bemerke aber auch einen Trend bei den Menschen: „Der Kundenkreis ist spürbar gewachsen. Das macht mich zuversichtlich.“ Nicht nur gutes Essen sondern auch die Art einzukaufen, sei für viele Menschen wieder zu einem Stück Lebensqualität geworden. „Und genau das ist mein Anliegen“, sagt Kull erfreut, während er in eine sonnenwarme Tomate beißt.

von Patricia Grähling

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