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Soziales Netzwerk Tageszeitung

Das wäre mal einer Soziales Netzwerk Tageszeitung

Was Menschen heute bei Facebook und Co. posten, schrieben sie auch vor 
50 Jahren schon – damals allerdings in den Kleinanzeigen der Oberhessischen Presse. Paul-Gerhard Linker hat einige ­Kuriositäten gesammelt.

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Paul-Gerhard Linker blättert gerne in seinem privaten Zeitungsarchiv. Darin findet er etwa eine öffentliche Entschuldigung für eine Ohrfeige von einem Erksdorfer Wirt oder die Entführung einer Braut zum Dämmerschoppen.

Quelle: Patricia Grähling

Erksdorf. Eine ganze Reihe dicker Aktenordner hat Paul-Gerhard Linker vor sich liegen. Darin verbergen sich Zeitungsartikel und alte Ausgaben der Oberhessischen Presse und der Oberhessischen Zeitung.

Sie sind schon vergilbt, aber sehr gut erhalten. Denn Linker bewahrt jeden Text sorgfältig aufgeklebt und in Klarsichtfolie gehüllt auf. Die ältesten Artikel stammen aus den 1930er-Jahren.

„Mein Vater hatte 1937 schon die OP abonniert“, erklärt Linker. Seither habe er immer die Zeitung gelesen, um zu erfahren, was in der Welt und der Heimat passiert. „Wir haben die Zeitung damals erst am späten Nachmittag gelesen“, erzählt Linker. Heute befasse er sich schon beim Frühstück ausgiebig mit der Tageszeitung – das sei damals gar nicht möglich gewesen: „Nach dem Krieg gab es einen Linienbus von Marburg nach Neustadt. Der fuhr um 14 Uhr in Marburg ab“, erinnert Linker sich. Mit diesem Bus sei die Zeitung dann erst nach Stadtallendorf und von dort aus in die Ortsteile gekommen. „Das war aber nicht schlimm. Damals gab es nämlich nur Landwirte in Erksdorf und die hatten morgens keine Zeit, um die Zeitung zu lesen.“

Die Eltern von Linker nahmen sich dann nach Feierabend auch die Zeit, um Artikel aus der damaligen Oberhessischen Zeitung auszuschneiden und aufzuheben. „Das kann man nochmal brauchen“, habe Linkers Mutter immer gesagt. Und diese Sammelleidenschaft habe er dann selbst geerbt, erklärt er, während er durch die vergilbten Zeitungen blättert, die 1945 noch 15 Pfennig gekostet hat.

Linker sortiert seine Artikel nach einem eigenen System: In fünf Ordnern hat er alle Sportberichte rund um Erksdorf. In zwölf Ordnern verbergen sich alle anderen Artikel aus Erksdorf und kuriose oder spannende Berichte und Anzeigen aus der ganzen Region. Dazwischen: Immer wieder Artikel über große Ereignisse in der Welt.

„1943 erschien in der Zeitung ein Bericht über einen Erksdorfer aus dem 19. Jahrhundert, der nicht in den Krieg wollte“, erklärt Linker mit Blick auf sein privates Archiv. Der habe sich dann auf dem Hof einmauern lassen, das krumme Skelett wurde irgendwann wieder ausgegraben.

In den 50er-Jahren gab es in der OP eine Seite mit den „Bildern der Woche“. Die hat Linker ebenso sorgfältig ausgeschnitten und aufgehoben, wie die Jahresrückblicke und Berichte über die WM 1954 und den 100. Geburtstag der Mark 1975. Eine Grafik von 1985 zeigt, in welchem Land am meisten gestrickt wird – Norwegen lag vorne. Dazwischen immer wieder Berichte über das Wetter: Ungewöhnlich kalte Winter, frühlingshafte Silvesternacht und große Unwetter. „Manchmal frage ich mich heute beim Durchblättern auch, was ich da für einen Mist ausgeschnitten habe“, sagt Linker. Aber es seien eben alle die Artikel, die er spannend oder lustig finde.

Lustig sind vor allen Dingen die vielen kleinen Anzeigen, die Privatleute noch vor 50 Jahren in der Zeitung geschaltet haben. Es sind Verleumdungen, kleine persönliche Abrechnungen und öffentliche Entschuldigungen – alles, was sich heute im Internet bei Facebook findet oder bei Twitter „gezwitschert“ wird. „Danke für Ihre Anzeige, ich werde gerichtlich gegen Sie vorgehen“, schrieb ein Unternehmer wenige Tage nach einer Anzeige, die vor dessen ungedeckten Schecks warnte. Häufig schrieben Männer, dass sie sich von den Schulden ihrer Ehefrauen distanzieren. Geburtsanzeigen enthielten Spitzen gegen die Großeltern, die den Enkel offenbar nicht freudig begrüßten und ein Gastwirt entschuldigte sich in der Zeitung für eine Ohrfeige, die er nach einem Frühschoppen ausgeteilt hatte ( Fotos: Grähling).

Für kuriose Nachrichten sorgte die OP auch oft selbst – vor allen Dingen am 1. April. 1978 berichtete des Tageszeitung von Ölbohrungen bei Erksdorf. „Ich sitze oft hier und blättere durch die Ordner“, sagt der 74-Jährige, der nicht gerne Fernsehen schaut. Dann liest er Diskussionen über die geplante Autobahn A 49 bei Stadtallendorf, die schon 1978 Thema war und über den Männergesangverein, der schon 1979 Frauen aufnahm.

Der Erksdorfer will seine Artikel weiterhin ausschneiden, statt sie auf dem Computer abzuspeichern. „Ich arbeite gerne mit den Händen. Außerdem stehe ich den neuen Medien zwar positiv gegenüber, aber ich kann nicht mit meinem Laptop umgehen“, verrät er. Aber das wolle er auch noch lernen. „Egal wie alt man ist, man kann immer noch was dazulernen“, ist er sich sicher.

Nach dem Urlaub hat Linker immer viel zu blättern: Seine Kinder, die im Haus und in der Nachbarschaft wohnen, sammeln dann immer die Zeitungen für ihn. „Dann kann ich sie nach dem Urlaub in Ruhe durcharbeiten.“ So gehen dem Rentner auch keine wichtigen Berichte aus Erksdorf verloren. „Und während des Urlaubs lese ich Tageszeitungen aus meiner Urlaubsregion.“ Schließlich wolle er auch wissen, was dort los ist.

Meist ist der gelernte Schlosser, der zunächst bei den Eltern und später im Fahrdienst einer Stadtallendorfer Firma gearbeitet hat, jedoch in seinem Keller zu finden. Dort widmet er sich zierlichen Laubsägearbeiten – überwiegend weihnachtliche Motive. „Mit denen ziehe ich im Winter dann von Markt zu Markt“, erklärt er.

von Patricia Grähling

 
 
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