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Schuster bleibt bei seinem Leisten

Was macht eigentlich...? Schuster bleibt bei seinem Leisten

Tagtäglich repariert Vincenzo Sanzone Lederschuhe, Stühle und Taschen. Früher einmal hat er Bühnenluft geschnuppert, an der Seite bekannter Stars. Die Zeit vermisst er vor lauter Arbeit aber nicht.

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Das Hobby zum Beruf gemacht

Vincenzo Sanzone lässt am liebsten die alten Maschinen rattern, um Schuhe zu reparieren. Der Schuster hat sich aus dem Showgeschäft völlig zurückgezogen.

Quelle: Patricia Grähling

Marburg. Inmitten von Regalen voller Schuhe steht Vincenzo Sanzone in seiner winzigen Schusterei hinter der Theke. Es riecht nach Leder und nach Pflegemitteln. Der Italiener kurbelt an einer alten Maschine, die auch in einem Museum stehen könnte und näht den Rahmen für einen Lederschuh neu. „Es gibt auch neuere Maschinen“, sagt Sanzone. „Aber die sind einfach nicht so gut.“ Geschickt lässt der 51-Jährige die Nadel durch das Leder und die Sohle fahren, ganz vorsichtig. „Eine Nadel kostet zehn Euro“, erklärt er. „Wenn die Nadel kaputt bricht, weil ich nicht aufpasse, verdiene ich fast nichts an der Reparatur.“

Hinter Vincenzo Sanzone zieren unzählige Bilder die Wand, bedecken jedes freie Fleckchen. Auf jedem Bild ist der Schuster selbst zu sehen - meist als viel jüngere Ausgabe seiner selbst und immer hält er andere Menschen im Arm. Auf dem einen Bild Senta Berger, daneben hängt ein Foto mit Sonja Kraus, mit Otto Waalkes, Blümchen oder Ricky Martin. Auch Mariah Carey ließ sich für ein Foto von dem Italiener umarmen. „Früher habe ich als Komparse bei verschiedenen Filmen mitgewirkt“, erzählt Sanzone. „Es waren keine großen Rollen, aber es war einfach toll, die Menschen kennenzulernen.“ So spielte der Italiener in mehr als einem Tatort mit. Einmal war er als krimineller Billardspieler zu sehen. Mariah Carey traf er 1998 in der ARD-Sendung „Einer wird gewinnen“ mit Jörg Kachelmann. Und viele andere Menschen traf er, als er fünf Jahre lang für den Komiker Maddin Schneider arbeitete. Er wurde sein Chauffeur, war sogar in das Bühnenprogramm „Maddin hebt ab“ eingebunden.

„Irgendwann musste ich mich entscheiden: Die Bühne oder meine Familie und die Schusterei"

Zu dem Job kam Sanzone eher zufällig - und weil er ein gutes Herz hat. „Maddin Schneider kam eines Tages hereingeschneit und wollte Schuhe reparieren lassen“, erinnert sich der 51-Jährige. Danach habe er ihn oft mit einer Tasche vorbei laufen sehen und irgendwann bei einem Plausch gefragt, wohin er denn immer gehe. Schneider erzählte dann von seiner Arbeit und dass er zu seinen Auftritten laufe oder mit Bus und Bahn fahre. „Ich habe ihm dann angeboten, ihn auch mal zu fahren - als Freund.“ Das habe er dann hin und wieder gemacht - bis er von Maddin Schneider einen Job angeboten bekam.

„Das ist jetzt zehn Jahre her“, sagt Sanzone, der seine Schusterei immer nebenbei weitergeführt hatte. „Irgendwann musste ich mich entscheiden: Die Bühne oder meine Familie und die Schusterei. Man muss ja die Kinder großziehen und kann da nicht auf zwei Hochzeiten tanzen.“ Er habe sich für die Familie und die Arbeit mit den Händen entschieden - und bereue es bis heute nicht. „Man kann sowas nur vermissen, wenn man nichts zu tun hat“, sagt Sanzone. „Ich habe keine Zeit zu trauern.“

Ein bisschen trauert er im Moment allerdings schon - nämlich um seine Heimat, die er in einem durchwachsenen Sommer wie diesem sehr vermisst. Geboren wurde der Schuster in Roccapalumba auf Sizilien. „Mein Vater war Maurer und ging der Arbeit wegen nach Deutschland.“ Im Dezember 1969 sei Sanzone mit seiner Familie nachgezogen, kehre nur noch für Urlaube zurück in sein Geburtsland. Komplett zurück nach Sizilien ziehen - dafür fehle Sanzone der Mut. „Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir in Deutschland Sicherheit haben, eine ärztliche und soziale Versorgung.“ Er fühle sich wohl in Marburg und wolle die Heimat seiner Kinder und die Sicherheit nicht aufgeben - auch wenn schon mal ein verregneter Sommer aufs Gemüt drücken kann.

Zur Schusterei kam der Sizilianer eher zufällig. Vorher habe er schon viele Berufe ausprobiert. „Wir Sizilianer sind universell. Wir machen alles und bleiben dann irgendwann bei einer Arbeit hängen, die uns Spaß macht“, erzählt Sanzone lachend. Und er habe schon viel probiert, etwa eine Ausbildung zum Friseur oder Kabarett. Nach Marburg kam der damals in Stadtallendorf lebende Italiener über einen Umweg über Braunsheim: „Ich war dort vor 35 Jahren Lkw-Fahrer als Krankheitsvertretung“, erzählt er. Dann sei er wieder ohne Arbeit gewesen und so habe ihn sein bisheriger Chef nach Marburg vermittelt: „Sein Schwager hatte diese Schusterei am Grün und suchte eine Aushilfe.“ So habe er den Job gelernt und den kleinen Laden im April 1997 selbst übernommen, als er verkauft wurde.

„Der Beruf macht mir Spaß“, sagt der frühere Tatort-Komparse. „Wenn ich morgens die Tür aufmache, bin ich hier in meinem Element - auch wenn es manchmal Krisen gibt.“

„Manchmal ist es mehr operieren als reparieren“

Für Sanzone sei jeder Schuh, jede Tasche eine neue Herausforderung, die er perfekt lösen wolle. „Manchmal ist es mehr operieren als reparieren“, erklärt er. Denn er nehme nicht nur Schuhe an, die mit einfachen Nähten an der Maschine wieder instand gesetzt werden können. „Was maschinell nicht geht, versuche ich mit der Hand zu nähen“, betont er. Schließlich sei das alte Tradition, früher hätten die Schuster nur mit der Hand gearbeitet. Das zeigt auch eine Zeichnung aus dem 15. Jahrhundert, die stark vergrößert hinter Sanzone hängt und die Schusterarbeit der damaligen Zeit verdeutlicht.

Laut Sanzone lohnen sich solch aufwändigen Reparaturen für so manchen Schuh eigentlich nicht mehr. Aber für viele Kunden habe so mancher Schuh einen hohen persönlichen Wert und so bekomme er auch Schuhe aus Mainz, Frankfurt und sogar England gebracht, um sie zu „operieren“. Das sei etwa Menschen wichtig, die Probleme hätten, neue und bequeme Schuhe zu finden. „Dann ist der Schuh eingelaufen, das Leder ist weich. Die Besitzer wollen sie einfach behalten und weiter mit ihnen durchs Leben gehen.“ Außerdem habe der Italiener schon so manchen Schuh repariert, der schon mehr von der Welt gesehen habe, als er selbst: „Ich habe einen Kunden, der mit seinen Schuhen durch die Sahara gereist ist. Die haben dann einen besonderen Wert für ihn.“ Wie einen Schatz nimmt Sanzone daher jeden einzelnen Schuh in die Hand, prüft die Naht nochmal sorgfältig und reiht das Paar im Regal ein, wo viele weitere Paare auf die nächste Weltreise, den Geschäftstermin in Frankfurt oder den Heimweg nach England warten.

von Patricia Grähling

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