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Professor Kleinert erforscht die AfD

Was macht eigentlich..? Professor Kleinert erforscht die AfD

Der Professor Dr. Hubert Kleinert befasst sich in seiner täglichen Arbeit mit dem System und der Geschichte der Parteien. Dabei hat er viele praktische Erfahrungen gesammelt - als erster Bundestagsabgeordneter der Grünen.

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Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Die Oberhessische Presse hat oft über ihn berichtet, sein Name findet sich immer wieder in Überschriften und in Interviews in alten Ausgaben der Oberhessischen Presse: Hubert Kleinert gehörte zu den ersten Bundestagsabgeordneten der Grünen. 1983 machten die jungen Politiker dem bislang bestehenden Drei-Parteien-System ein Ende, als sie in den Bundestag einzogen. Damals war Kleinert nicht einmal 29 Jahre alt. Und auch wenn er heute nicht mehr politisch aktiv ist, so taucht sein Name dennoch immer mal wieder in der Zeitung auf. Denn der Politologe wird immer wieder gerne zu seiner Meinung rund um aktuelle Geschehnisse in der Politik befragt.

Geboren wurde der bekannte Grünen-Politiker 1954 in Melsungen. Sein Vater war Bäckermeister und stand der CDU nahe. Kleinert selbst wurde schon als Schüler Mitglied in der SPD. Seit 1982 hat er seine politische Heimat bei den Grünen. Seine ersten politischen Schritte machte er - wie so viele seiner Parteikollegen der ersten Stunde - in Marburg. Dort begann er 1973 sein Studium in den Fächern Politik, Geschichte und Germanistik. Ab 1981 war er zwei Jahre lang wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich der Soziologie, beschäftigte sich mit neuen sozialen Bewegungen. In seiner Dissertation befasste er sich naheliegenderweise mit den Grünen, veröffentlichte die Arbeit 1992 unter dem Titel „Aufstieg und Fall der Grünen“.

Seine Karriere als Bundestagsabgeordneter beendete Kleinert zwei Jahre zuvor. Er wechselte 1990 ins hessische Umweltministerium, wo er unter der rot-grünen Landesregierung als Referent arbeitete. In dieser Zeit habe er auch die Chance gehabt, Bundesvorsitzender der Grünen zu werden. Rückblickend erklärt er dazu: „Ich habe die Chance nicht entschlossen genug wahrgenommen“.

Arbeit ohne dieparteipolitische Brille

1996 wurde er Referent in der Landesvertretung in Bonn. Seit dem Ende der rot-grünen Regierung im Jahr 1999 widmet sich Kleinert seiner Tätigkeit als Politologe und Professor. Von 2000 bis 2002 war er Landesvorsitzender der Grünen in Hessen. In dieser Zeit entstand auch die erste schwarz-grüne Koalition in einem Landkreis in Hessen in seiner Heimat Marburg-Biedenkopf. Kleinert gilt als einer der Architekten dieses politischen Zusammenschlusses.

Aus der aktiven Politik ist Kleinert mittlerweile ausgeschieden. Er befasst sich stattdessen mit der Politikwissenschaft, mit der Geschichte der Parteien, aber auch mit Migration, Integration und Terrorismus. An der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung forscht und arbeitet er seit 2002 in diesen Bereichen. Mit dieser beruflichen Chance war allerdings auch sein Rücktritt als Landesvorsitzender verbunden. Wenn er sich heute also in Interviews zur Politik äußert, dann spricht er als Politologe. „Raus ist raus“, sagt er dazu. „Meine Arbeit beschränkt sich auf Analysen und Kommentare - ohne parteipolitische Brille.“

Der Professor bietet jedes Semester Veranstaltungen rund um Verfassungsrecht und Politik für seine Studenten an. Daneben hat er aber auch Zeit für eigene Projekte. So erforschte er vor einigen Jahren die NS-Vergangenheit der Politiker im Landkreis. Nun will er wissen, wer eigentlich die Menschen hinter der AfD sind, will die Partei mit sozialwissenschaftlichen Methoden unter die Lupe nehmen. „Ich bin selbst gespannt auf die Ergebnisse“, erklärt Kleinert. Mit einer Gruppe Studenten habe er es gerade erst gestartet, arbeite mit ihnen an der Erstellung eines Fragebogens. Das Hauptproblem sei es, zunächst an die Leute heranzukommen, die den Fragebogen dann anonymisiert ausfüllen sollen. Anschließend hofft Kleinert auch auf einige detaillierte Interviews. „Das hängt natürlich immer davon ab, wie die Zielgruppe mitmacht“, berichtet der Professor. Mit Ergebnissen seines Projekts rechne er im Frühjahr 2017.

„Ich versuche neben meinen üblichen Themen auch immer aktuelle Themen zu erforschen“, sagt Kleinert. Im vergangenen Jahr habe er sich daher oft mit Migration und den zugehörigen Rechtsfragen befasst. „Mein Schwerpunkt liegt aber auf den politischen Parteien. Daher liegt es auf der Hand, dass ich nun Interesse an dem habe, was die Menschen Rechtspopulismus nennen.“

Manchmal möchte Kleinert sich gerne mal einmischen

Kleinert habe viel Zeit zum Schreiben, Lesen und Forschen. Die habe ihm als Politiker oft gefehlt: „In der Parteipolitik arbeitet man eher reaktiv“, erklärt er. Themen, Anfragen kämen auf Politiker zu und sie müssten sich schnell damit befassen und Antworten parat haben. „Ich habe jetzt viel mehr Zeit, um auch über die Hintergründe nachzudenken.“ Auch habe er als Parteipolitiker immer vorher über seine Äußerungen nachdenken müssen: „Man hat immer eine Schere im Kopf und fragt sich, ob man das jetzt so sagen kann“, erklärt er. „Es ist ein schönes Gefühl, wenn diese Schere weg ist.“ Daher sei es ihm anfangs überhaupt nicht schwergefallen, aus der aktiven Politik auszuscheiden. „Ich habe mich damit sehr wohl und unabhängig gefühlt“, erzählt er.

Aber wie es im Leben manchmal ein Auf und Ab gebe, wünsche er sich bei manchen Gelegenheiten insgeheim doch, nochmal mitzumischen. „Aber das ist rein situativ.“ Für sich persönlich und sein Leben sei die Arbeit als Hochschullehrer gut. „Das passt einfach zu mir. Ich befasse mich mit Themen, mit denen ich mich schon immer befasst habe.“

In seiner Arbeit an der Uni helfe ihm aber auch seine politische Vergangenheit. „Ich erzähle es nie. Aber Studenten bekommen so was raus“, sagt er lachend. Und für die sei es interessant, wenn er manche Dinge aus einem anderen Blickwinkel berichten könne - weil er eben nicht nur die Theorie, sondern auch die Praxis kenne. „Das nutzt auch im Hinblick auf Glaubwürdigkeit und Zuschreibung von Kompetenz“, verrät er.

von Patricia Grähling

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