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Preuße oder Pole? - "Niederwäljer!"

Das wäre mal eine(r) Preuße oder Pole? - "Niederwäljer!"

Aus Ostpreußen musste Helmut Sontowski in ­jungen Jahren flüchten. ­Dabei hat er vieles erlebt, bevor er eine neue Heimat in Niederwalgern gefunden hat. Dort bringt er sich jetzt mit seinem Wissen und seiner Arbeit ein.

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Helmut Sontowski hinterlässt mit den Heinzelmännchen überall in Niederwalgern seine Spuren. Zusammen haben sie etwa Hinweisschilder gestaltet und aufgebaut. Foto: Patricia Grähling

Quelle: Grähling

Niederwalgern. Helmut Sontowski ist ein Heinzelmännchen. Das heißt aber nicht, dass er klein ist und eine Zipfelmütze trägt. Das bedeutet auch nicht, dass er nur nachts heimlich im Verborgenen arbeitet. Nein - es bedeutet, dass er zu der Gruppe der Heinzelmännchen in Niederwalgern gehört, die sich um Ortsvorsteher Heinz Heuser scharen und gemeinsam anpacken, wenn im Dorf Arbeit anfällt. Oftmals machen die Männer sich die Arbeit auch selbst und tragen so einiges zum ansprechenden Ortsbild und zur Geselligkeit der Bewohner bei.

„Bei uns in der Gruppe haben wir viele Fachmänner. Jeder hat so seinen eigenen Bereich“, erklärt Sontowski. Er selbst ist Landmaschinenschlosser und Schweißer. Es gibt aber auch Schreiner, Maler und Maurer in der Gruppe. „Wir haben viele Männer, die mit Hacke und Schippe arbeiten und dann noch die Helfer, die planen, organisieren und sich um das Geld kümmern.“ So gut aufgestellt haben die Männer schon viel für ihr Dorf getan: Sie pflegen das Lern- und Experimentierfeld, den Funpark, haben eine Boulebahn angelegt und Info­tafeln im Ort aufgestellt. Diese Liste könnte endlos weiter­geführt werden.

Eine Wippe brachte ihn zu den Heinzelmännchen

„Wir arbeiten da Hand in Hand“, betont Sontowski. Jeder bringe sich ein. Er mit seinen Schweißarbeiten. „Da habe ich schon überall im Dorf meine Spuren hinterlassen“, sagt er lachend. Etwa die Füße für die Infotafeln, Schwenkgrills für Grillhütte, Funpark und Feuerwehr oder Arbeiten an den Tischen und Bänken an der Boule-Bahn. Ganz viel repariert der Techniker auch auf dem besonderen Spielplatz des Dorfes.

So kam er auch zu der Gruppe: „Ein Freund hat mich mal zu einem Treffen der Heinzelmännchen mitgenommen“, erzählt er. Damals war die Hydraulik bei der Hydraulikwippe auf dem Lern- und Experimentierfeld kaputt. „Ich habe gesagt, ich schaue mir das mal an. Dann kam eins nach dem anderen und seitdem bin ich dabei“, sagt er. Zehn Jahre sei das mittlerweile her. Zehn Jahre, in denen er viel für das Dorf, das seine Heimat geworden ist, geschweißt, getüftelt und geschraubt hat.

Der Liebe wegen kam Sontowski nach Niederwalgern. Des Krieges wegen kam der Ostpreuße überhaupt erst in die Region. Geboren wurde der heute 78-Jährige in Masuren in Ostpreußen. „Die Wehrmacht hatte dort ein Pferdelazarett“, erinnert er sich. Damals, im Zweiten Weltkrieg, wurde der Soldat Fischer bei ihnen einquartiert. Er kam aus der Marbach. „Er sagte uns immer, wenn der Krieg mal schlecht wird, sollten wir in die Marbach kommen“, sagt Sontowski. Und irgendwann wurde der Krieg schlecht: „Als die Front zusammenbrach hat die Mutter die Pferde angespannt und ist mit uns vier Kindern los.“ Der Vater war noch im Krieg. Einfach sei das nicht gewesen.

„Unterwegs wurden wir von den Russen überholt“, sagt der Ostpreuße. Die nahmen der Familie Pferde und Wagen ab. Die kleine Gruppe fand aber den Vater wieder. „Im Schnee bei minus 20 Grad sind wir dann zurück durch die Wälder. Aber unser Wohnhaus war in die Luft gejagt worden.“ Die Familie hatte kein Zuhause mehr, kam bei Verwandten unter. „Dann wurde Ostpreußen plötzlich polnisch“, erzählt Sontowski. „Meine Mutter wollte keine Polin werden und so wurden wir über Nacht rausgeworfen.“ Im Viehtransporter kam die Familie nach Stettin, lebte in Kasernen. Der Vater arbeitete in einer Bäckerei und so hatte die Familie etwas Essen. „Damals habe ich angefangen, ein Heinzelmännchen zu werden“, sagt der 78-Jährige. Er habe Figuren aus Holz geschnitzt, die andere Kinder bei ihm gegen ihre Schulbrote getauscht hätten.

Mit der Schule war es aber schnell wieder vorbei - Sontowski hatte in Stettin bereits das zweite Mal in seinem jungen Leben mit der Schule begonnen - als eines Tages alle Vertriebenen an den Bahnhof mussten „Wir mussten uns nackt ausziehen. Alles wurde uns weggenommen“, erinnert er sich. „Die Flüchtlinge sollten wohl umgebracht werden. In anderen Orten ist das passiert.“ Doch nach zwei quälenden Tagen bekamen die Menschen ihre Kleider zurück. Sontowski vermutet, dass es eine Intervention der Amerikaner gab.

Danach ging es für die Preußen jedoch weiter: „Wir kamen über Melsungen mit Hilfe des DRK in die Marbach zu der Familie des Soldaten Fischer“, erinnert sich Helmut Sontowski. Dort begann er zum dritten Mal mit der Schule. Dort sollte der achtjährige Junge aber auch endlich bleiben dürfen.

Nach fünf Jahren war Sontowski mit der Schule fertig. „Ich wollte eigentlich Zimmermann werden, aber es gab ja keine Ausbildungsplätze.“ Beim Arbeitsamt bekam er dann Adressen von Schlossereien, setzte sich auf sein Fahrrad und stellte sich in den Betrieben in Caldern, Cölbe und Sterzhausen vor. „Der Sohn des Landmaschinenhändlers kam gerade aus dem Krieg und als er meine Geschichte hörte, stellte er mich sofort ein.“ Dort habe er das Schmieden und Schweißen gelernt und seinen ersten Lanz-Bulldog repariert. Nach seiner Ausbildung kam er dann zum Raiffeisen-Maschinenlager nach Marburg. Mitte der 60er-Jahre fand er eine Anstellung bei den Behringwerken. „Dort durfte ich damals die Zentralwerkstatt einrichten“, sagt er mit einem kleinen Anflug von Stolz. Zum Abschluss seiner Karriere ging er ins Marburger BBZ, wo er anderen Lehrlingen das Schweißen beibrachte.

Nach Niederwalgern hatte Sontowski 1962 geheiratet, mit seiner Frau drei Kinder bekommen. „Die Familie und das Haus sind auch meine Hobbys“, sagt er. Am Haus gebe es immer wieder etwas zu tun. Und auch die Familie sei ihm wichtig. „Eines unserer Kinder lebt in Sydney“, erzählt er. Dort sei er daher schon oft zu Besuch gewesen. „Das ist immer wieder eine tolle Reise.“ Auch in der Feuerwehr war er viele Jahre aktiv - zunächst in der Marbach, später bei den Behringwerken und in Niederwalgern.

Den „Niederwälgern“ hilft der 78-Jährige nicht nur als Heinzelmännchen. Er ist auch beim Verein „Bürger helfen Bürgern“ dabei und bietet anderen Menschen kleine Hilfen im Alltag an. Hier repariert er mal eine Stuhllehne und dort helfe er bei einem klemmenden Türschloss. Einmal habe er auch einer Frau aus dem Ort einen Rosenbogen besorgt und aufgebaut. „Für alle Hilfen ist in Niederwalgern jemand da, der anderen hilft“, sagt er.

von Patricia Grähling

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