Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -1 ° Schneeregen

Navigation:
"Müller sind international gefragt"

Brücker Mühle "Müller sind international gefragt"

Die Brücker Mühle in Amöneburg bewegt sich derzeit nur zu Schauzwecken oder zur Stromgewinnung. Müllermeister Thomas Kleinschmidt möchte dort aber bald wieder historische Mühlsteine mahlen sehen.

Voriger Artikel
"Mix aus Gemütlichkeit und Geschäft"
Nächster Artikel
Ein diktierendes Naturtalent

Die Geschichte ist Thomas Kleinschmidt wichtig. Deswegen zeigt der Müller in der Brücker Mühle historische Technik, etwa eine alte Mahlwalze. Fotos: Patricia Grähling

Quelle: Patricia Graehling

Amöneburg. Den Beruf des Müllers gibt es schon sehr lange – schon viel länger als die Oberhessische Presse oder die Berufe, die mit Medien und Zeitung zu tun haben. „Die erste mit Wasserkraft betriebene Mühle gab es vor rund 2500 Jahren in Mesopotamien“, erzählt Müllermeister Thomas Kleinschmidt, der in der Brücker Mühle lebt und arbeitet. Schon in der Steinzeit wurde mit Hilfe von Steinen das Korn gemahlen – mit purer Muskelkraft. Schließlich „musste man das Korn ja irgendwie klein kriegen“. Die Römer hatten die Technik dann verfeinert und Reibesteine mit einer kleinen Kurbel angetrieben. „In Europa haben schließlich die Kirchen und Klöster Wassermühlen gebaut und die Technik verfeinert.“

Kleinschmidt hat den Beruf „von der Pike auf“ daheim gelernt. „Meine Großeltern kamen als Pächter 1929 hierher“, erzählt er. Sein Vater wurde ebenfalls Müller, führte die Familientradition weiter – und so hielt es auch Kleinschmidt. Derzeit arbeitet der heutige Mühlenbesitzer aber nicht als Müller. Den Betrieb hat er 2001 bereits eingestellt – wegen neuer gesetzlicher Verordnungen, die viele Investitionen nötig gemacht hätten. Aber auch weil viele der kleineren Bäckereien, die Kleinschmidt damals belieferte, ebenfalls schließen mussten. Stattdessen gibt es an der Brücker Mühle ein Bio-Restaurant und einen Bio-Laden mit vielen Produkten aus der Region.

„Bis heute bedauern wir es. Wir haben die Mühle nur schweren Herzens als Gewerbemühle abgemeldet“, sagt Kleinschmidt. „Aber die Zeiten ändern sich.“ Ganz will sich der Amöneburger aber nicht geschlagen geben. Er feilt schon an neuen Ideen, wie er seine Mühle weiter mahlen lassen kann. So will er die Mahlwalzen wieder ausbauen und zurückgehen auf historische Mühlsteine. „Es geht viel zu viel von unserer Geschichte über die Wupper“, sagt der Amöneburger. Er wolle innehalten und gegensteuern, ein wenig Kulturgeschichte erhalten.

„Im Moment steht sie die Mühle auch nicht ständig still“, erzählt er. Damit die Technik nicht einroste, lasse er die Mühle regelmäßig einige Stunden laufen – ohne Korn zu mahlen. Die Brücker Mühle ist aber auch eine Schaumühle: Kleinschmidt empfängt regelmäßig Schulklassen und Gruppen, führt sie durch die historischen Gebäude und zeigt ihnen natürlich auch, wie Mehl hergestellt wird.

„Mein Opa hatte damals noch viel Konkurrenz“

„Seit dem siebten Jahrhundert ist die Mühle in Mitteleuropa präsent“, erzählt Kleinschmidt seinen Besuchern gerne. Bis ins 19. Jahrhundert hinein habe die Technik sich dabei kaum verändert: Über Wasserräder wurden Mahlsteine angetrieben, die zerrieben das Korn zu Mehl.

„Die industrielle Revolution hat dann in der Müllerei Mitte des 19. Jahrhunderts voll durchgegriffen“, erzählt der Amöneburger. Die Bevölkerung habe sich damals stark vermehrt – daher sei auch mehr Brot nötig geworden, um die Menschen zu ernähren. „Das konnten die vielen kleinsten Mühlchen, die auf das Land verteilt waren, gar nicht mehr stemmen.“

Große Mühlen wurden gebaut, Mahlsteine wurden gegen Walzen ausgetauscht, die mehr Mehl in kürzerer Zeit herstellen konnten. Seither habe sich die komplette Maschinerie weiterentwickelt, von der Sortiermaschine über die Belüftung bis hin zur Reinigungsmaschine. Auch der Großvater von Kleinschmidt hat viele dieser Neuerungen in der Brücker Mühle installiert.

„Mein Opa hatte damals noch viel Konkurrenz“, erzählt er. In der Umgebung habe es viele Großbauern gegeben, aber auch viele Müller. Die klapperten dann die Dörfer ab, sammelten Korn ein und brachten es einige Tage später zurück – abzüglich des Mahllohns, der in Form von Mehl einbehalten wurde. „Heute liefern Landwirte das Korn meist selbst in den Mühlen an“, erzählt er. Manche verkaufen das Korn, andere lassen sich in Mehl ausbezahlen.

Auch arbeiten Müller oft nicht mehr in Mühlen, sondern bei Nahrungsmittelherstellern. Dort kontrollieren sie angeliefertes Mehl. „Der Beruf heißt auch mittlerweile ,Verfahrenstechnologe in der Mühlen- und Futterwirtschaft‘, weil das Berufsbild weiter gefasst ist“, sagt der Müllermeister. Bis heute kenne der Beruf jedoch keine Arbeitslosigkeit. Zu wenig junge Menschen entscheiden sich laut Kleinschmidt für die Ausbildung, auch wenn er sehr vielseitig sei. „Alle Bereiche, in denen Nahrungsmittel zerkleinert werden, spielen in den Beruf mit hinein“, erklärt er. Egal ob in der Tierfutterherstellung oder in der Gewürzmühle: Überall würden „Müller“ gebraucht.

Schon im Mittelalter zogen Müller viel herum, um Arbeit zu finden. Das sei auch heute noch so, denn nicht an jedem Ort gebe es Arbeit für diesen Berufszweig. „Aber wer sich durch Studium bis zum Verfahrenstechniker weiterbildet, der wird direkt international abgeworben“, sagt Kleinschmidt. Freunde von ihm seien daher in der ganzen Welt verstreut, etwa in Shanghai.

Brücker Mühle ist für Besucher geöffnet

Kleinschmidt hat seine Ausbildung 1983 begonnen. „Mitten im Landwirtschaftsboom“, erzählt er. „Damals brauchte man für ein Landwirtschaftsstudium einen NC von 1,3.“ Aus Süddeutschland habe er sich dann die Idee der Direktvermarktung abgeschaut. „Dort gibt es noch viele kleine Mühlen, weil die Menschen dort ihre Spätzle und das Brot noch selbst machen.“ Gegen die anfängliche Skepsis seines Vaters habe er dann angefangen, direkt Mehl an Endverbraucher zu verkaufen. Heute ist daraus ein gut sortierter Bio-Laden mit vielen Produkten aus der Region geworden. Daneben ist die alte Mühle jederzeit für Besucher geöffnet, die sich mit der Kulturgeschichte befassen wollen.

von Patricia Grähling

Hintergrund

Die Brücker Mühle ist eine bekannte historische Mühlenanlage an der Ohm bei Amöneburg. Erstmals erwähnt wurde sie 1248. Die Brücke, die im Namen auftaucht, war ein Knotenpunkt wichtiger Handelswege im Mittelalter. Dort führt unter anderem der „Lange Hessen“ entlang. Die Gebäude wurden im Laufe der Jahrhunderte oftmals zerstört und wieder neu errichtet. Zu einer gewissen Bekanntheit kamen die Gebäude übrigens im Siebenjährigen Krieg. Am 21. September 1721 fand dort die „Schlacht an der Brücker Mühle“ statt. Bei dieser Entscheidungsschlacht versuchten die Franzosen vergeblich, die Brücke zu überqueren. Die Schlacht gegen die Preußen endete blutig, aber ohne Sieger.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Dezember 2017

Hier finden Sie alle neuen Erdenbürger aus dem Landkreis aus dem Dezember 2017

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Mit der OP durch das Gartenjahr

Experten-Tipps von der ersten Saat bis zur letzten Ernte

In unseren Video-Beiträgen (oben) erklären die heimischen Direktkandidaten, warum sie nach Berlin in den Bundestag wollen. Wenn heute Wahl wäre, wen würden Sie wählen?

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr