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Mit versuchtem Grabraub fing es an

Das wäre mal eine(r) Mit versuchtem Grabraub fing es an

Hans Naumann hat seine eigenen Wurzeln gesucht. So wurde er zum Ahnenforscher - und schließlich auch zum Heimatforscher. Zur 777-Jahr-Feier in Bracht bringt er eine neue Chronik mit Geschichten aus dem Dorf heraus.

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Drei Bände hat die Brachter Chronik bislang, die Hans Naumann gemeinsam mit Konrad Dittmar schrieb.

Quelle: Patricia Graehling

Bracht . Weniger als 1000 Einwohner leben in dem Rauschenberger Ortsteil Bracht. Dennoch hat das Dörfchen bald vier Bücher über die Geschichte Brachts. Zu verdanken hat die Dorfgemeinschaft dies Hans Naumann und dem bereits verstorbenen Konrad Dittmar. Das historisch interessierte Gespann brachte zur 750-Jahr-Feier ihres Heimatortes die erste Chronik heraus - und fast wie von selbst folgten weitere.

Das Jubelfest musste damals mit einem Jahr Verspätung 1992 stattfinden - der Magistrat der Stadt hatte darum gebeten, da Rauschenberg selbst 1991 ein großes Fest feierte. Die erste Chronik brachten Dittmar und Naumann kurz vor der Feier mit stehendem Festzug in Bracht heraus. „Es gab bis dahin nur eine Schulchronik“, erklärt Naumann. Innerhalb weniger Wochen habe er mit seinem Nachbarn Konrad Dittmar dann einen historischen Rückblick für das gesamte Dorf geschrieben. Auf 470 Seiten fassten sie die Geschichte zusammen und brachten sie in einer Auflage von 700 Stück unter die Bürger. Das erste Buch ist besonders schwer, hochwertig gebunden sind sie alle. Auch ziert die bislang drei erschienenen Bände das gleiche Foto. „Das Buch steht in vielen Brachter Regalen“, weiß Naumann. Auch viele Kinder, die irgendwann weggezogen sind, hätten es geschenkt bekommen. Heute sei das Buch komplett vergriffen - auch wenn es noch manches Mal nachgefragt werde.

„Die Inhalte fanden großen Anklang bei Fachleuten“, erinnert sich Naumann, der gebürtig aus Hachborn stammt. „Das hat unseren Ehrgeiz geweckt und wir haben weiter geforscht.“

1592 bekamen viele Familien erst einen Familiennamen

Den zweiten Band haben die beiden Heimatforscher daher den Häusern und Höfen in Bracht gewidmet. 188 Höfe, deren Hofnamen und die Familiennamen der Besitzer haben sie aufgelistet. „Das haben wir etwa mithilfe der Kirchenbücher geschafft“, erklärt Naumann eine Vorgehensweise. Dort seien die steuerpflichtigen Besitzer mit Namen und Geburtsdaten und Namen der Ehefrau gelistet. Bis ins Jahr 1592 konnte das Team viele Besitzer zurückverfolgen. „Damals hatten viele Menschen keinen Familiennamen. Meist gab es nur einen Hofnamen, mit dem die dort lebende Familie benannt wurde“, erklärt Naumann. So seien aber manchmal auch Menschen mit Steuerschulden verschwunden und konnten nicht mehr aufgefunden werden. „Deshalb wurde den Familien im 16. Jahrhundert ein Familienname zugeteilt.“ Das Buch erschien 1998 mit einer Auflage von 450 Stück. Auch das ist restlos vergriffen. „Wir sind damals von Haus zu Haus gezogen und haben gefragt, wer es haben möchte“, erinnert sich Naumann.

Im dritten Band ging es dann um den ehemaligen Militärflugplatz in Bracht. Der wurde während des Zweiten Weltkriegs gebaut, teilweise von 1200 Arbeitern in drei Schichten, wie Naumann erklärt. In Betrieb gewesen sei er nur im Mai und Juni 1940 für die Bombardierung an der Westfront. „44 Maschinen starteten hier drei Mal täglich.“

Besonders großen Anteil an der Arbeit habe der verstorbene Nachbar Dittmar gehabt, betont Naumann immer wieder. So bringt er nun zwar zur 777-Jahr-Feier eine neue Chronik alleine heraus - doch damit solle die Reihe abgeschlossen werden. Alleine möchte Naumann nicht weitermachen. Auch habe die Geschichte sich langsam erschöpft. So habe er den vierten Band vor allen Dingen mit Geschichte und Geschichten angefüllt, die er während der Arbeit an den ersten drei Bänden entdeckt hat und für die einfach kein Platz gewesen sei.

„Da habe ich mich selbst gefragt, wo meine Wurzeln sind.“

Zur Erforschung der Dorfgeschichte kam Naumann über seine eigene Geschichte: „Meine Kinder haben gefragt, wer denn ihre Großeltern und Urgroßeltern waren“, erinnert der Brachter sich. Seinen Vater kannte Naumann jedoch selbst kaum, da er 1942 im Krieg kurz vor Moskau fiel. „Da habe ich mich selbst gefragt, wo meine Wurzeln sind.“ Daher wälzte er in den folgenden Monaten Kirchenbücher und Archivalien im Staatsarchiv. Dabei erforschte er auch zugleich den Stammbaum seiner Ehefrau. „Da habe ich auch interessante Dinge über Bracht gefunden und für mich selbst dokumentiert und archiviert.“ So habe er es auch schaffen können, gemeinsam mit Dittmar innerhalb weniger Wochen die erste Chronik zu verfassen: „Die meisten Dokumente hatte ich ja schon hier.“

Das Interesse an der Geschichte habe Naumanns Volksschullehrer Valentin Sußmann in dessen Jugend in Hachborn geweckt. „Wir waren im Wald zwischen Ebsdorf und Hachborn. Dort zeigte er uns die Hügelgräber der Kelten und Germanen und erzählte von sagenhaften Schätzen.“ Als Drittklässler sei er dann später mit Hacke und Schaufel bewaffnet zurückgekehrt, um die Gräber zu öffnen. „Der Forstläufer Römer hat uns aber erwischt. Das setzte eine Tracht Prügel und Nachsitzen“, sagt Naumann. Das Interesse für die Geschichte sei aber geblieben und brachte ihn Jahre später dazu, die Familien Becker und Naumann bis ins 14. Jahrhundert zurückzuverfolgen. Dabei fand er heraus, dass beide Familien adligen Ursprungs seien, im Laufe der Zeit jedoch vermehrt in der Landwirtschaft tätig wurden. Zwei dicke, rot eingeschlagene Bände gehören nun zum Familienbesitz. Sie enthalten alle Unterlagen, die der Chronist zu Naumanns und Beckers finden konnte.

Im Familienbesitz befindet sich aber auch eine edel herausgearbeitete Ahnentafel. Die hat Naumann selbst gestaltet. „Ich hatte eine Sauklaue. Als ich in Rente ging, habe ich aber einen Kalligraphie-Kurs gemacht“, erklärt der gebürtige Hachborner. Danach habe er die Ahnentafel in verschnörkelter Schrift und mit kunstvollen Ausschmückungen sowie den Wappen beider Familien gestaltet.

„Man kann die Zukunft nur dann bewältigen, wenn man auch die Vergangenheit und die Gegenwart kennt und aus den Fehlern gelernt hat“ - das sei sein Lebensmotto. Und so habe er viel Freizeit in Archiven verbracht und dabei auch die erste Urkunde, in der Bracht erwähnt wurde, selbst im Hauptstaatsarchiv in München gefunden. „Manchmal werde ich als Hobbyhistoriker belächelt. Aber einer muss es ja auch machen“, sagt Naumann.

von Patricia Grähling

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