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Mehr als 400 Bilder in 95 Jahren

Das wäre mal eine(r) Mehr als 400 Bilder in 95 Jahren

Mit ruhiger Hand malt Heinz Prochazka Pferde, die Elisabethkirche, den Marktplatz. Er schreibt seine Lebensgeschichte, die Geschichte seiner Vorfahren. Prochazka hält Erinnerungen fest - für sein größtes Glück, die Familie.

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Der gebürtige Dresdner Heinz Prochazka wird heute 95 Jahre alt. Er blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Nach Marburg kam er, als er aus russischer Kriegsgefangenschaft befreit wurde. Seit er in Rente ist, hat er viel gemalt, etwa den Marktplatz im Winter.

Quelle: Altmüller

Marburg. „Nicht, was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen.“ Heinz Prochazka hat das Zitat des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez so gut gefallen, dass er es auf die erste Seite des Buches geklebt hat, in dem er seine Erinnerungen festhält. 1982, wenige Jahre, bevor er in Rente ging, schrieb er für seine Nachkommen sein Leben auf. „Es war ein wunderschönes Leben“, sagt Prochazka, der heute 95 Jahre alt wird.

Geboren wurde er in Dresden, als uneheliches Kind einer Kellnerin. Sein Vater entschied sich noch vor seiner Geburt, nach New York auszuwandern. Seiner Mutter Margarethe, eine bodenständige Frau, war das zu unsicher. Um ihren Sohn zu ernähren, arbeitete sie bis spät abends und auch am Wochenende. Groß gezogen wurde Heinz Prochazka von seiner Großmutter. Sein Großvater kam aus Böhmen.

Prochazka lernte Maler. Der Krieg, für den er sich freiwillig meldete, veränderte auch sein Leben. „Ich lag verwundet in einem Lazarett in Königs-Wusterhausen bei Berlin, als die Russen kamen.“ Er geriet in Gefangenschaft, arbeitete in Moskau mit 200 Mann am Bau eines Hauses, in der Maler-brigade. „Da gab es keinen Feierabend.“ 1945, kurz vor Weihnachten, war er befreit und kam zu seiner Mutter nach Marburg, die dort inzwischen zu ihrem Bruder gezogen war.

1950, beim Fasching im Europäischen Hof, dem heutigen Marburger Hof in der Elisabethstraße, lernte er Else Schröder kennen. Ein Jahr später wurde die Telefonistin seine Frau, im Herbst kam der erste Sohn Thomas zur Welt, im nächsten Jahr Rainer.

Prochazka trägt noch heute seinen Ehering. Seine Frau starb vor fünf Jahren, im Alter von 87 Jahren. Als die Kinder gerade ein paar Jahre alt waren, ernährte seine Frau die Familie, während er sich zwei Semester an der Kunstwerkschule in Kassel „versuchte“. Danach entschied er sich doch dafür, den Malermeister zu machen und arbeitete selbstständig.

Oft war der 95-Jährige wochenlang krank, wegen einer Entzündung seines Knies aufgrund seiner Kriegsverletzung. Er entschied sich, den Beruf zu wechseln und fing als wissenschaftlicher Zeichner in der Augenklinik an. „Ich habe die Gefäße auf Papier skizziert und sie dann mit Wasserfarbe auf einen vorbereiteten Grund in der Farbe der Augen übertragen.“ Er stellte krankhafte Veränderungen dar, die damals noch nicht fotografiert werden konnten.

In dem Jahr, in dem Prochazka in Rente ging, 1985, saß er im Winter stundenlang in der Kälte und malte. Den Marktplatz, die Sicht auf die Oberstadt von der Autobahnbrücke am Erlenring aus, die Elisabethkirche vom Pilgerfriedhof des Michelchens aus. Von Fotos abmalen kam für ihn nicht in Frage. „Das muss man erleben, das ist ein ganz anderer Eindruck.“

Gemalt und gezeichnet hat Prochazka schon immer gerne. Seine frühesten Zeichnungen, die auf Fotografien in seinem „Bilderbuch“ festgehalten sind, stammen aus seiner Schulzeit. Ein makelloses Pferd, ein Ahornblatt. „Im Zeichen- und Werkunterricht hatte ich die einzige Eins im Zeugnis.“ Über 400 Zeichnungen und Gemälde hat er bis heute gemalt, viele davon verkauft oder verschenkt.

Aber auch der Fotografie hat er sich in seiner Rente zugewandt, hat Fotoreihen über Marburg gemacht, sie bei der Arbeiterwohlfahrt und den „Marburger Fotoamateuren“ gezeigt, noch bis zum Alter von 90 Jahren.

So langsam werden die Augen schlechter, das Atmen fällt ihm ein bisschen schwer. Trotzdem verbringt er fast jeden Vormittag in der Stadt, geht einkaufen und essen. Er lebt allein, versorgt sich weitgehend selbst. 80 Jahre alt wollte er werden, das Jahr 2000 erleben.

„In der zweiten Lebenshälfte fängt man an, sich für seine Vorfahren zu interessieren“, sagt Prochazka. Deswegen hat er alles, was er über sie weiß, festgehalten, auf über 80 Seiten, mit Fotos. Jedes seiner Kinder und Enkel hat eine Ausgabe bekommen. Er hat sie alle mit Schablone geschrieben. „Das größte Glück in meinem Leben ist die Familie“.

von Freya Altmüller

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