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Kurt Kliem: Ruhestand - aber richtig

Was macht eigentlich? Kurt Kliem: Ruhestand - aber richtig

Kurt Kliem hat sich einen Namen im Landkreis gemacht: Er war elf Jahre Landrat, engagierte sich in der SPD. Vor zwanzig Jahren hat er sich rigoros in den Ruhestand verabschiedet.

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Kurt Kliem ist vor 20 Jahren in den politischen Ruhestand gegangen. Seitdem nutzt er die Zeit zum Lesen und Studieren.

Quelle: Patricia Grähling

Beltershausen. Kurt Kliem ist aus dem öffentlichen Leben in Marburg nicht wegzudenken. Dabei hat er vor zwanzig Jahren alle Ämter und Funktionen abgegeben.Dennoch ist er beispielsweise bei Veranstaltungen im Landratsamt immer noch ein gern gesehener Gast.

Professor Kliem ist Politikwissenschaftler. Der Sozialdemokrat machte seinen Abschluss an der Philipps-Universität in Marburg, promovierte 1957. Thema seiner Arbeit war der sozialistische Widerstand gegen das Dritte Reich. An der Justus-Liebig-Universität in Gießen lehrte und forschte er schließlich als Professor für Politikwissenschaften.

Mitglied der SPD ist Kliem seit 1952. Bevor er Landrat wurde, war er im Kreistag Fraktionsvorsitzender bei den Sozialdemokraten, zudem war er mehr als 20 Jahre im Unterbezirksvorstand aktiv.

Kliem wurde 1985 Landrat. Der Sozialdemokrat folgte auf Christean Wagner (CDU) und leitete erst eine rot-grüne Koalition, später eine Koalition von SPD und CDU. Elf Jahre gestaltete Kurt Kliem den Landkreis mit, bevor er sich 1996 in den Ruhestand verabschiedete. Sein Nachfolger wurde Robert Fischbach, der zuvor als Dezernent an der Seite Kliems arbeitete.

Seither hat Kliem seine Freizeit genossen und die Welt auf Wanderungen entdeckt. Außerdem nimmt er sich gerne die Zeit und schaut die Spiele der Fußball-Bundesliga. „Ich bin bekennender Bayern-Fan“, erklärt Kliem. Sympathie hegte er auch für Eintracht Frankfurt, aber „seit den 90er-Jahren empfinde ich eher Unverständnis für viele Entscheidungen“. Fußball schaut er übrigens gerne in seiner Stammkneipe, gemeinsam mit Freunden.

Keine Langeweile durch Studium und Fußball

Außerdem hat der Professor nochmal studiert - diesmal Geschichte. „Ich befasse mich immer wieder mit dem Dritten reich und der Nachkriegsgeschichte“, verrät er. Außerdem habe er sich „Laienwissen“ in Archäologie und Landesgeschichte angeeignet, ebenso wie in Architekturgeschichte. Und er liest viel: „Ich habe jetzt erst 5200 Buchtitel abgegeben und nochmal ebenso viele zu Hause.“ Langeweile habe er nicht. „Und so vergehen zu meiner Überraschung die Jahre. Mein ältester Enkel ist schon 25 Jahre alt.“ Da sehe er eine neue Generation heranwachsen, für die ein Gymnasium und die Uni selbstverständlich seien. „Ich stand 1952 im Zug von Wabern nach Marburg und habe alles auf mich einwirken lassen. Es war unvorstellbar, dass ich studieren durfte.“ Im Gegensatz dazu wüssten heute viele junge Menschen nicht, was sie einmal machen wollen: „Sie machen zwei Auslandsreisen und vier Schnuppersemester. Dabei muss man sich auch mal entscheiden und dann auch die Konsequenzen tragen.“ So jedenfalls habe er es sein Leben lang gehalten.

Kliem ist gelungen, was vielen Politikern nicht gelingt: Mit dem Ende seiner Amtszeit als Landrat ist er komplett aus dem politischen Leben ausgeschieden. „Ich habe Jahrzehnte hindurch ein zeitliches Übermaß an Engagement gezeigt“, erklärt er seine Entscheidung. Außerdem habe er sich nicht in die Debatten mit seinen Ratschlägen einmischen wollen, wenn er selbst als Außenstehender viele Hintergründe und Absprachen gar nicht kenne, nur ein Halbwissen habe. „Ich weiß selbst, dass es viele Gespräche erfordert, um eine Mehrheit für eine Idee zu bekommen“, sagt Kliem. „Und dabei muss man viele Kompromisse eingehen und Absprachen treffen, die Außenstehende gar nicht erfassen können. Wer in den Ruhestand geht, sollte es also komplett tun.“

Bis zum Ruhestand hatte Kliem sein Leben nahezu komplett der Politik gewidmet. Schon als Kind wollte er Politik verstehen, die Hintergründe für den Krieg kennen, den er miterlebt hatte. „Wir wohnten auf dem Flugplatz in Fritzlar“, erklärt Kliem. Da habe er viele Angriffe erlebt. „Bei dem Angriff auf die Edertalsperre wurden meine Schwester und ich von einer zwei Meter hohen Welle mitgerissen.“

Mit 21 Jahren wurde Kliem dann Mitglied bei der SPD. „Für mich war das die richtige Politik: Die Politik des sozialen Ausgleichs“, sagt er. Schließlich war Kliem eines von drei Prozent Arbeiterkindern auf der Uni. „Für mich war Bildung gleich Aufstieg. Das wurde nur durch die damalige gesellschaftliche Entwicklung möglich. Wie sonst hätte das fünfte Kind einer Arbeiterfamilie Professor und Landrat werden können?“ So sei er zwar um seine Jugend betrogen worden, konnte im Zuge gesellschaftlicher Umbrüche jedoch Landrat werden.

„Mich hat das, was in der Realität passiert, mehr interessiert als die Theorie“, erklärt Kliem. Daher engagierte der Professor sich auch in der Kommunalpolitik. „Die anderen Professoren lachten sich schief“, sagt er. „Für sie war das ,Kanalröhrenpolitik‘ und für intelligente Menschen unzumutbar.“

Kliem ließ sich davon nicht beirren und kam direkt als Fraktionsvorsitzender der SPD in den Kreistag. „So konnte ich in meinen Seminaren an der Uni auch meine praktische Erfahrung einfließen lassen“, sagt der Beltershäuser. Er gestaltete das Schulwesen, die Infrastruktur - eben die Realität - mit und lehrte zugleich seine Studenten die theoretischen Grundlagen.

von Patricia Grähling

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