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Folteropfer klagt die Täter an

Was macht eigentlich..? Folteropfer klagt die Täter an

Die Marburger Deutsch-Chilenin Beatriz Brinkmann wurde vor 30 Jahren von der chilenischen Militärjunta gefoltert. Heute lebt sie wieder in Chile und engagiert sich für andere Opfer der damaligen Diktatur.

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Beatriz Brinkmann kämpft seit ihrer Befreiung gegen die Folter. Und sie setzt sich heute für Leseförderung ein.

Quelle: Patricia Graehling

Marburg. Sechs Tage lang sah sie nicht, wo sie war. Ihre Augen waren verbunden. Sie hörte nur Schreie von Folteropfern. Manchmal wurde sie auch geholt und gefoltert. Sechs Tage, die in der Gewalt der chilenischen Geheimpolizei wie eine Ewigkeit gewirkt haben müssen. Dennoch sagt Beatriz Brinkmann heute rückblickend, dass sie auch Glück hatte - denn die sechs Tage der Folter seien eine verhältnismäßig kurze Zeit gewesen. Sie kam schnell in ein öffentliches Gefängnis, wo sie ein Jahr inhaftiert war, aber „die Erniedrigungen und die Gewalttätigkeiten hatten ein Ende“. Zu verdanken habe sie das unter anderem der Oberhessischen Presse. Die habe damals den Stein ins Rollen gebracht und zuerst über ihre Gefangennahme berichtet.

Doch zunächst zum Anfang: Beatriz Brinkmann wuchs in der chilenischen Hafenstadt Valdivia auf. Sie ist das Kind deutscher Einwanderer. 1969 kam sie nach Marburg, um zu studieren. Sie arbeitete in der Stadt als Lehrerin und ging erst 1985 zurück in ihr Heimatland Chile. Eigentlich wollte sie schon früher zurück, doch schien ihr die Situation nach dem Militärputsch 1973 zu unsicher.

OP berichtet über das Verschwinden der Lehrerin

Brinkmann ging zurück in ihr Geburtsland, weil sie glaubte, dass sich die Verhältnisse verbessert hätten. Ein Irrglaube: Sie wurde verhaftet und gefoltert, weil sie sich für die Demokratisierung des Landes stark machte. „Das wurde der Militärdiktatur zu viel. Abends hörte ich starkes Klopfen an meiner Wohnungstür. Draußen standen vier schwerbewaffnete Geheimpolizisten. Sie durchsuchten meine Wohnung, fanden aber als angebliches Beweismaterial nur Zeitschriften und marxistische Lehrbücher.“

Die Agenten nahmen Brinkmann mit. „Ich wusste, dass ich mit meiner Arbeit für den Widerstand Risiken eingehe“, erzählt sie heute. Daher habe sie ihrem Bruder eine Telefonnummer aus Marburg gegeben und ihn gebeten, dort anzurufen, falls sie verschwinden sollte. Das tat der Bruder dann auch. „Meine Freunde in Marburg waren zunächst geschockt, dann haben sie sich mobilisiert und Hilfe bei Amnesty International gesucht.“ Die Organisation habe aber nur helfen können, wenn der Fall öffentlich geworden sei - um einen Beleg zu haben.

Die Marburger wandten sich an die OP, welche auch sofort über die Festnahme durch die Geheimpolizei berichtete und darüber, dass Brinkmann verschwunden sei. „Amnesty International konnte sich daraufhin sofort einbringen.“ Zudem sei gerade der deutsche Außenminister Genscher bei einem Treffen der UNO in New York gewesen, wo er den chilenischen Außenminister auf den Fall Brinkmann angesprochen habe. Die deutsche Botschaft habe zudem Vertreter geschickt. „Das alles hat sehr geholfen und uns vor dem Schlimmsten bewahrt“, sagt Brinkmann, die gemeinsam mit einer ganzen Gruppe aus dem Widerstand gefoltert wurde.

Im Gefängnis sei es für die gesamte Gruppe besser geworden. Brinkmann bekam viele Briefe - zunächst aus Marburg, dann aus vielen anderen deutschen Städten. Auch ihre Kollegen bekamen freundliche Worte aus Deutschland geschickt. „Die Briefe mussten auf spanisch sein und ich musste auf spanisch antworten, damit die Gefängniswärter sie lesen konnten“, erinnert sich Brinkmann. Die Gefängnisleitung habe aber schnell gemerkt, dass die Terrorismusvorwürfe aus der Luft gegriffen gewesen seien - die Haftbedingungen seien etwas gelockert worden und so durfte sie geschlossene Briefe auf deutsch bekommen. Die zahlreichen Briefe und auch Zeichnungen von Kindern hat sie heute noch, aufbewahrt in einer großen Schachtel. „Die Nachrichten haben mir einen großen Rückhalt gegeben. Menschen, die ich gar nicht kenne, haben mir geschrieben und Kraft gegeben.“

Ein Jahr später wurde Brinkmann freigelassen. Sie ging zurück nach Marburg, wo ein unruhiges Jahr auf sie wartete: „Ich habe unzählige Interviews gegeben und Einladungen von Organisationen angenommen, die sich für meine Freilassung eingesetzt haben“, erzählt Brinkmann. Das sei ihr wichtig gewesen, um auf die Situation der noch mehr als 400 politischen Gefangenen in Chile aufmerksam zu machen.

Zugleich begann die Lehrerin in Frankfurt zu arbeiten. Sie half dabei, die Rückkehr von Chilenen vorzubereiten, die nach Deutschland geflohen waren. Sie organisierte Seminare für deutsch-chilenische Paare und für Kinder, die in Deutschland geboren waren.

Brinkmann will 30 Jahre später vor Gericht ziehen

Kurz darauf wurde in Chile das Urteil über Brinkmann und ihre Gruppe gesprochen: Sie wurden zu einem Jahr Haft verurteilt, welche bereits abgegolten war. Die deutsch-chilenischen begann daraufhin, ihre Rückkehr in ihr Geburtsland vorzubereiten. „Für mich war immer klar, dass ich zurück wollte“, sagt sie.

Zur gleichen Zeit lernte sie damals den Leiter von Cintras kennen, einem Zentrum für psychische Gesundheit und Menschenrechte in Chile, das sich um die Opfer der Diktatur und deren Verwandte kümmert. Er gab ihr eine kleine Stelle bei Cintras in Chile, später arbeitete sie in der Leitung mit. Die Arbeit habe sie aber aufgegeben, weil sie zurück nach Südchile wollte, wo sie heute in Los Lagos lebt. Für Cintras hält sie weiter Kontakt nach Marburg zum Freundeskreis Cintras. „Die Arbeit ist sehr wichtig, denn wir finanzieren uns über Spenden. Der Marburger Freundeskreis sammelt für uns Spenden und ich schreibe Berichte, was mit dem Geld passiert ist.“

In Los Lagos ist Brinkmann die Vorsitzende des Arbeitskreises Stadtbibliothek. Sie setzt sich dafür ein, Frauen und Kindern die Freude am Lesen und Schreiben zu vermitteln. „Wir lesen mit Kindern und schenken ihnen Bücher. Für viele ist es das erste Buch, das sie besitzen und darauf sind sie sehr stolz.“

Darüber hinaus spricht sie immer wieder auf Symposien, wie etwa vergangene Woche in Berlin, als es um Gewaltregime ging und um die Schwierigkeiten bei der Aufarbeitung der Vergangenheit. „Viele Menschen wissen bis heute noch nicht, was mit ihren verschwundenen Angehörigen passiert ist“, erzählt sie. Das verursache viel Leid. Viele überlebende Folteropfer hätten ein zerstörtes Leben, könnten sich nicht mehr in die Gesellschaft integrieren. „Ich hatte das Glück, dass ich nach so einer Erfahrung wieder eine sinnvolle Lebensaufgabe gefunden habe“, sagt Brinkmann. „Das hat mir geholfen, die Vergangenheit zu überwinden.“

Ein weiteres Problem: Zwar habe Chile die Menschenrechtsverletzungen in der Diktatur anerkannt, aber die Opfer selbst müssten tätig werden, um die Verantwortlichen vor Gericht zu bringen. „Viele von denen laufen noch frei herum“, sagt Brinkmann.

Gerade habe sie mit ihrer damals inhaftierten Gruppe beschlossen, vor Gericht zu ziehen. Denn auch nach 30 Jahren verjährt Folter nicht. „Wir wollen bewusst machen, dass Folter nicht sein darf.“ Denn noch heute sei Folter in chilenischen Gefängnissen an der Tagesordnung. Und das will das einstige Folteropfer ändern.

von Patricia Grähling

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