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Feldarbeit und Heimatgeschichte

Das wäre mal eine Feldarbeit und Heimatgeschichte

Gäste aus Israel oder Island helfen Ute Gerhard auf deren Erdbeerfeldern bei Leidenhofen und bekommen dafür Urlaub auf dem Bauernhof. Im Winter, wenn es ruhiger wird, befasst diese sich mit Heimatgeschichte.

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Kopien historischer Schriften aus dem Staatsarchiv arbeitet Ute Gerhard durch, um mehr über Leidenhofens Geschichte zu erfahren und für eine Festschrift zusammenzutragen.

Quelle: Patricia Grähling

Leidenhofen. Rot, saftig und fruchtig wachsen die Erdbeeren im Frühjahr auf einem großen Feld bei Leidenhofen. Süß schmecken diese kleinen Früchte, die Ute Gerhard dort jedes Jahr aufs Neue anbaut – vor allen Dingen in liebevoller Handarbeit.

Die diesjährige Saison ist allerdings bereits vorbei, das Erdbeerfeld ist kahl, die Blätter der Pflanzen für Tee getrocknet. Auf einem weiteren Feld wachsen aber bereits die Erdbeerpflanzen für nächstes Jahr.

Ute Gerhard bewirtschaftet Laggels Hof in Leidenhofen. Ihre Mutter ist dort aufgewachsen. Gerhard selbst jedoch lebte in Speyer, kam mit ihren Eltern nur am Wochenende zurück in den Ebsdorfergrund. „Hier habe ich auch mein erstes Pony bekommen. Das hat mich immer wieder hierher gezogen“, erinnert die 42-Jährige sich.

Erdbeeren als Testlauf

In die Landwirtschaft wollte sie eigentlich nicht, erzählt Gerhard, während sie in ihrem hübsch hergerichteten Hof des großen Fachwerkhauses sitzt. Gänse watscheln im Hintergrund über das Pflaster, werden vom Hund aber schnell zurück auf ihre Wiese gescheucht. In England arbeitete Gerhard dann mit behinderten Menschen auf einem biodynamischen Hof.

„Da habe ich gelernt, dass Landwirtschaft auch im Kleinen geht und ohne gespritzte Lebensmittel.“ Da habe sie sich dann doch für die Landwirtschaft entschieden, wollte gerne mit ihren Händen arbeiten und sehen, wie Pflanzen wachsen und sich die Natur verändert. In Gießen studierte die 42-Jährige dann Agrarwissenschaften, behandelte in ihrer Diplomarbeit Arznei- und Gewürzpflanzen.

„Eigentlich wollte ich gerne Arzneipflanzen anbauen, aber die Investitionskosten sind sehr hoch.“ Also entschied Gerhard sich zunächst für Erdbeeren – das wollte sie mal ein oder zwei Jahre ausprobieren und so gab es im Jahr 2000 in Leidenhofen erstmals ihre roten Früchte für Selbstpflücker.

„Dann hat es mir so viel Spaß gemacht, mit den Kunden ins Gespräch zu kommen, dass ich bei den Erdbeeren geblieben bin“, sagt Gerhard. Direkt auf dem Feld bekomme sie noch Rückmeldung von den Pflückern über den Geschmack der süßen Früchte. „Es ist schön, wie die Menschen sich über leckere, ungespritzte Erdbeeren freuen.“

Schlafplatz gegen Arbeitskraft

Die Mutter von drei Kindern fängt jedes Jahr im März an, sich um ihre Erdbeerpflanzen zu kümmern. Dann werden rund 1,5 Hektar Boden aufgelockert – in anstrengender Handarbeit. Sobald sie damit fertig sei, könne sie auf einem weiteren Feld direkt die Erdbeeren für das Folgejahr anpflanzen. „Die Ernte beginnt dann immer um den 5. Juni herum und dauert dreieinhalb bis sechs Wochen.“

In der Erntezeit seien dann samstags Hunderte von Menschen auf den Feldern bei Leidenhofen unterwegs und pflücken Erdbeeren. „Manche pflücken viele Eimer voll. Andere kommen alle zwei oder drei Tage zu mir.“ Einen kleinen Teil der roten Früchte verkauft Gerhard auch über den Bioladen in Dreihausen und über Erdbeerstände in Marburg.

Neben der Arbeit auf dem Hof nimmt sich Gerhard gerne eine Auszeit und geht reiten mit ihren Island-Ponys – „am liebsten dahin, wo eben nur Ponys hinkommen. Irgendwo im Wald“. Und gerade im Sommer habe sie oft Besuch aus aller Welt im beschaulichen Leidenhofen: Gegen etwas Arbeit auf dem Hof bietet Gerhard kostenlose Schlafmöglichkeiten in einem Wohnwagen an.

„Leute aus aller Welt kommen hierher, um das Landleben zu genießen.“ Im vergangenen Jahr seien es etwa Gäste aus Italien, Island und Schottland gewesen, während in diesem Jahr meistens deutsche Familien zu ihr kommen – vor kurzem sogar eine Studentin aus Marburg. „Auch aus Israel kommen diesen Sommer noch Gäste“, sagt die 42-Jährige.

Heimatforschung wirft Fragen auf

Den Winter, wenn die Landwirtschaft bei Gerhard ruht, widmet sie dann der Geschichte: Gerhard hat federführend die Organisation der Festschrift für die 1000-Jahr-Feier von Leidenhofen im Jahr 2018 übernommen. „Wir haben uns zu einer kleinen Redaktion zusammengefunden und sammeln Beiträge aus verschiedenen Epochen der Geschichte“, erklärt sie.

Die Leidenhöferin selbst hat beispielsweise geforscht über Juden in ihrem Heimatdorf. „Anfangs hieß es immer, dass es hier keine gab“, sagt sie. „Wenn man dann genau nachfragt, taucht plötzlich doch jüdisches Leben auf.“

Die Familie Spier, die zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in Rauischholzhausen lebte, sei ursprünglich aus Leidenhofen gekommen. „Sie haben hier zwei Häuser bewohnt, arbeiteten als Viehhändler und Kaufleute“, erzählt sie. In alten Deportationsverzeichnissen tauche oft der Geburtsort Leidenhofen auf – obwohl die letzten Juden bereits 1928 weggezogen seien.

Beschäftigt hat die Landwirtin sich auch mit den Flurnamen und so einen großen Schritt in den Bereich der Namensforschung gewagt. „Ich fand es schon immer interessant, was früher auf dem Dorf los war und wie die Menschen gelebt haben“, erklärt Gerhard. Als dann die Idee aufkam, alte Geschichten zu sammeln und in einem Buch zu verewigen, „hat das Dorf irgendwie befunden, dass ich mich darum kümmern soll“.

von Patricia Grähling

 
Hintergrund
Leidenhofen gehört zu der Gemeinde Ebsdorfergrund. Erstmals erwähnt wurde das Dorf 1018, als es in den Besitz des Klosters Kaufungen kam. Kaiser Heinrich II. verschenkte sein Landgut. Der Ort hieß zunächst Liudenhoven, was sich vermutlich auf den Eigennamen Liudo zurückführen lässt. Dominiert wird Leidenhofen – diesen Namen trägt es seit dem Jahr 1500 – von historischen Fachwerkbauten. Die Kirche wurde im 13. Jahrhundert als Wehrkirche errichtet. Von dem Gebäude ist lediglich der Turm noch erhalten. Das Kirchenschiff wurde in den 1960er-Jahren komplett neu gebaut.
 
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