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„Eine aufregende kleine Zeitung“

Ex-Chefredakteur blickt zurück „Eine aufregende kleine Zeitung“

Als Chefredakteur hat Paul-Josef Raue die Oberhessische Presse zehn Jahre lang geprägt. Danach arbeitete er bei verschiedenen Zeitungen als Chefredakteur. An die OP hat er aber immer noch besondere Erinnerungen.

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Für Paul-Josef Raue ist die OP die wohl bedeutendste kleine Zeitung in der deutschen Provinz. Das liegt auch daran, dass die Redaktion immer wieder Preise für ihre Serien und Ideen gewinnt. So gab es 2014 den Deutschen Lokaljournalistenpreis für die Serie „Ich und Ich“.

Quelle: Ingmar Hirt

Marburg. Heute wohnt Paul-Josef Raue in Erfurt und arbeitet als Strategie-Berater für Redaktionen. Erfahrungen hat er selbst in führender Position bei vielen verschiedenen Zeitungen gesammelt.

So gründete er etwa unmittelbar nach der Wende die Eisenacher Presse, arbeitete später als Chefredakteur unter anderem bei der Magdeburger Volksstimme, der Braunschweiger Zeitung und der Thüringer Allgemeinen. Heute wirft er einen Blick auf die Heimatzeitung in Marburg:

Die Oberhessische Presse dürfte die bedeutendste kleine Zeitung in der deutschen Provinz sein: Dreimal empfahl sie sich für die Ruhmeshalle der Zeitungsgeschichte. Es begann in den achtziger Jahren, als alle Zeitungen in Deutschland Generalanzeiger waren. Eine Zeitung war ein Generalanzeiger, wenn in ihm dieselben Nachrichten standen, wie am Abend zuvor in der Tagesschau zu sehen waren; wenn der Aufmacher auf der Titelseite derselbe war wie der Aufmacher der Tagesschau, sprach man von Qualität. Den Lokalteil nahm keiner ernst.

Die Oberhessische Presse hatte in diesem Sinne keine eigene Qualität: Die Universitätsstadt kaufte den Mantel aus dem ländlichen Wetzlar, der war preiswert, aber nicht gut. Die Entscheidung des Verlegers, Mitte der achtziger Jahre in Marburg selbst den Mantel zu produzieren, war einmalig und revolutionär – aber gar nicht so teuer.

Der gerade entwickelte Ganzseiten-Umbruch, ganz schlicht mit XY-Koordinaten, half der Geschäftsführung, auf einen großen Teil der technischen Vorstufe zu verzichten und in die Redaktion zu verlagern: Die Rationalisierung brachte Geld, das zum Teil in die Erweiterung der Redaktion gesteckt wurde.

Guntram Dörr holte ersten Preis

Die Redaktion dachte nach, wie eine moderne Zeitung auszusehen hat, sie brach mit der Tradition des Generalanzeigers und nahm die wichtigen lokalen und regionalen Nachrichten auf die Titelseite und in das erste Buch: Ein neuer Typus von Zeitung entstand (parallel auch bei der „Emder Zeitung“ an der Nordsee), von der Branche als das „Ende der Qualitätszeitung“ verspottet. Der Erfolg gab und gibt der Redaktion Recht: Die Auflage stieg zweistellig – und ein Vierteljahrhundert später preist die Branche das Lokale als die Rettung der Zeitung, auf Papier wie im Netz.

Den zweiten Eintrag in die Ruhmeshalle der Zeitungen schaffte die selbstbewusste und starke Redaktion mit ungewöhnlichen Themen und Serien: Sie gewann damals zweimal den Deutschen Lokaljournalistenpreis, was zuvor erst einer Redaktion in Deutschland gelungen war. Wer diesen Preis bekommt, darf sich ein Jahr lang als beste deutsche Lokalzeitung rühmen. (Bis heute hat die OP den Preis fünf Mal gewonnen.)

Guntram Dörr, heute Chefredakteur in Nordhorn, holte den ersten Preis mit einer Serie über Selbsthilfegruppen – damals ein neues Phänomen in einer Gesellschaft, die sich zunehmend auf ihre eigenen Kräfte besann, Solidarität übte und den Staat beiseiteschob. Zum zweiten Mal holte die Redaktion den Preis mit der kritischen und ungewöhnlich ausführlichen Berichterstattung über Wahlen – als Hochfest der Demokratie.

Für prominente CDU-Politiker in Marburg war die Berichterstattung vor der Wahl zu kritisch: Sie verlangten vergeblich von der Adenauer-Stiftung, den Preis der OP abzuerkennen, und blieben aus Protest der Verleihung im Marburger Schloss fern.

Zudem gab es einige Sonderpreise, herausragend darunter Jürgen Lauterbachs Serie „Macht in Marburg“, die einmalig blieb und die Dieter Golombek, der Jury-Vorsitzende, so pries: „Dieses Projekt sprengt jeden Rahmen, es ist der gelungene Großversuch, das kunstvoll geknüpfte Netz der Macht in einer 80.000-Einwohner-Stadt zu beschreiben.“

Die OP beschreibt das 
Netz der Macht in Marburg

Solch großer Journalismus in der Provinz musste über den Tag hinaus bewahrt werden: So entstand die Buch-Reihe „OP Report“, die dreizehn Mal erschien, mit Titeln wie „Selbsthilfegruppen“, „Wählen gehen“, „Macht in Marburg“, aber auch „Die rote Uni“, „Aktuelles Arbeitsrecht“ oder „Schüler lesen“ mit Dokumentationen des ersten Zeitungsprojekts in Deutschland, das Till Conrad gemeinsam mit der Lehrerfortbildung eines Kultusministeriums organisiert hatte.

In die deutsch-deutsche Geschichte eingeflochten ist der dritte Eintrag in die Ruhmeshalle: Die Gründung der Eisenacher Presse in Marburgs Partnerstadt – die erste deutsch-deutsche Zeitung im Januar 1990, noch zu DDR-Zeiten, im Eisenacher „Haus der Dienste“ produziert, in Marburg gedruckt und mit 30.000 Exemplaren in wenigen Stunden verkauft. Die abenteuerliche Geschichte der Redaktion, der Zeitung und der Einheit ist mehrfach beschrieben, so im Buch „Aufbrüche und Umbrüche“ von Andreas Apelt und in meiner deutsch-deutschen Geschichte „Die unvollendete Revolution“.

Es dürfte kaum eine aufregendere kleine Zeitung in Deutschland geben: Das Beste, was die Provinz zu bieten hat, ohne provinziell zu sein. Wahrscheinlich ist auch die aktuelle Entwicklung der OP einen Eintrag wert: Statt diesen Zeitungs-Kleinod­ in einem Konzern untergehen zu lassen, wie es einigen widerfuhr, kaufte der Verleger seine Zeitung zurück – zum Wohle Marburgs und der Region, zum Wohle der Leser und der Redakteure und zum Wohle der Demokratie, die eine kräftige Stimme gerade dort braucht, wo die Heimat der Bürger ist.

von Paul-Josef Raue

 
Preise

Mittlerweile sind die Oberhessische Presse und zahlreiche Redakteure mit vielen renommierten Preisen ausgezeichnet worden. Eine Auswahl:

  • 2014 Deutscher Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Kategorie Foto für die crossmediale Serie „Ich und Ich“.
  • 2014 „Leser-Blatt-Bindungs­preis 2014“ vom Verband ­Deutscher Lokalzeitungen für das Jahresprojekt „Besser Esser“ (1. Platz).
  • 2013 „Leser-Blatt-Bindungs­preis 2013“ vom Verband ­Deutscher Lokalzeitungen für die Serie „Das schaffe ich“ 
(2. Platz).
  • 2012 „Leser-Blatt-Bindungs­preis 2012“ vom Verband ­Deutscher Lokalzeitungen für die Serie „100 Leute, 100 Leben“ (2. Platz).
  • 2010 Hessischer Jungjournalistenpreis für Nadine Weigel (heute Foto- und Videoredaktion) für ihren Text- und ­Video-Beitrag „Pomade und Petticoat“.
  • 2009 XMA Cross Media Award der WAN-IFRA für „Crossmedia-Design und -Branding“ für die Gießener Zeitung – Deutschlands erste Mitmachzeitung.
  • 2008 XMA Cross Media Award der WAN-IFRA für „Crossmediale Kampagnen” für die Oberhessische Presse.
  • 1993 Deutscher Lokaljournalistenpreis für die Zukunftsserie „Marburg 2010“.
 
 Steckbrief
Name: Paul-Josef Raue
Alter: 65
Wohnort: Erfurt
Familienstand: geschieden, drei Söhne
Erlernter Beruf: Zuerst Philosoph, dann Journalist
Bei der OP: von 1985 bis 1995
Position bei der OP: Chefredakteur (von 1990 bis 1994 auch der Eisenacher Presse)
Beruf heute: Strategie-Berater für Redaktionen und Kolumnist
Kommen Sie noch nach Marburg? Ja
Lebensmotto: Wer sich verändert, der lebt
 
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