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Eine Freundschaft über Grenzen hinweg

150 Jahre OP Eine Freundschaft über Grenzen hinweg

Wenn aus Flüchtlingen Freunde fürs Leben ­werden: Was mit einer verzweifelten Flucht im ­Ersten Weltkrieg begann, entwickelte sich in Dreihausen zu einer tiefen Verbindung zwischen mehreren Familien.

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Hessisch-elsässische Freundschaft seit Generationen: Beim großen Fest der Familien trafen sich Angehörige der Familien Hämer, Wirth, Hemer und Vogel in Dreihausen.

Quelle: Ina Tannert

Dreihausen. Bereits in der vierten Generation hält Familie Hämer aus Dreihausen engen Kontakt zu den Nachkommen ehemaliger Flüchtlinge aus dem Elsass. Aus einer Katastrophe vor 100 Jahren entstand bis heute eine tiefe Freundschaft.

Allen Grund sich zu freuen hatten das Ehepaar Elfriede und Karl-Heinz Hämer, Sohn Hans-Peter und Schwiegertochter Heike vor einigen Tagen wieder: die Familie hat die alten Freunde aus dem Elsass, Denise Marie Wirth, Ehemann Joseph und Bruder Françoise in Dreihausen begrüßt. „Wir alle führen die alte hessisch-elsässische Freundschaft weiter“, sagt Heike Hämer und lacht herzlich in Richtung der Gäste. Seit Jahrzehnten kommen die Wirths alle paar Jahre zu Besuch, brachten auch ihre Kinder mit, welche die Familientradition übernahmen, die Freundschaft nach Hessen bis heute weiter pflegen. Der freudige Ausruf „die Elsässer kommen“, gehört fest zur Familientradition der Hämers, erzählt Hans-Peter schmunzelnd.

Die erste Begegnung der beiden Familien war dabei Zufall, der Hintergrund eine internationale Katastrophe: Der Tag, an dem alles begann, war der fünfte Februar 1916; der Morgen, an dem Joseph Wirths Großvater und dessen Familie zu Flüchtlingen wurden. Der Erste Weltkrieg erreichte die kleine Gemeinde Walheim, damals Teil des deutschen Kaiserreichs, heute ein Teil des Département Haut-Rhin im Elsass, in der östlichen Ecke von Frankreich. Es drohte ein Angriff, das Dorf wurde geräumt. Über 400 Bewohner waren gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, flohen mit Zügen nach Osten.

Flüchtlinge kamen mit dem Zug nach Dreihausen

Einige Walheimer erreichten Dreihausen, das damals noch eine Zuganbindung besaß, und die umliegenden Dörfer. „Die Flüchtlinge füllten einen ganzen Zug“, erzählt Joseph Wirth, der sich intensiv mit der Geschichte der Familie beschäftigte. Wie es dazu kam, von welcher Stelle die Entscheidung über das Fluchtziel getroffen wurde - das ist nur schwer nachzuvollziehen, „es war Zufall“. Ein Zufall, der sich aus einer prekären Lage heraus zu einem glücklichen Umstand entwickeln sollte.

Der Vater von Joseph, Eugen Wirth, damals erst 14 Jahre alt und seine Schwester Maria wurden mit ihren Eltern bei Familie Mink aufgenommen. Die Elsässer Familie Pflieger kam wiederum bei Karl-Heinz Hämers Großeltern, Heinrich und Katharina Schnell, unter - zwischen den jeweiligen Familien und ihren Nachbarn entstanden anhaltende Freundschaften, so wie mit den Wirths. „Hier kann man erleben, was sich auch nach 100 Jahren noch entwickeln kann“, sagt Karl-Heinz Hämer gerührt.

Weitere Geflüchtete suchten Zuflucht bei anderen Bewohnern, unter anderem bei Familie Hemer aus Mölln - „bei guten Leuten“, schrieben die Gäste auf Zeit, wie aus Briefen der Betroffenen hervorgeht. Sie erhielten in Zeiten der Not ein neues Heim. „Wir waren willkommen und wurden herzlich aufgenommen.“ Lobend erwähnt auch die Oberhessische Zeitung im Dezember 1916 die Flüchtlingsfamilien, die ihr „nicht einfaches Los geduldig und freudig ertragen“ und während einer Weihnachtsfeier von den Einheimischen mit kleinen Geschenken bedacht wurden.

Die Gäste aus dem Westen wurden schnell in den dörflichen Alltag integriert. Während der Vater eine Anstellung im örtlichen Steinbruch fand, ging Sohn Eugen zur Schule, arbeitete später als „Bursche“ am heutigen Marburger Hof und fand in der Fremde neue Freunde. Auch die Mutter von Joseph und Françoise Wirth, Irma Goerig, ebenfalls aus Walheim, war im Alter von erst vier Jahren auf der Flucht. Sie lebte in Heskem, ihr späterer Mann in Dreihausen. Als Erwachsene heiratete das Paar in Walheim.

Zwei Jahre mussten die Flüchtlingsfamilien zuvor fern der Heimat in Hessen ausharren, erst zum Ende des Ersten Weltkriegs konnten sie zurückkehren, lebten fortan im französischen Staat. Dort fanden sie ihre Häuser „in Trümmern - es fehlten sämtliche Türen und Fenstern“. Ihre „verlotterten Felder“ mussten neu bestellt werden, der Wiederaufbau dauerte Jahre. Doch schon früh entstand ein regelmäßiger Briefwechsel zu den liebgewonnenen Gastgebern in Dreihausen. Ein Brief der Familie Knebler aus dem Jahr 1920 verdeutlicht die tiefe Bindung, die in diesen wenigen Monaten zwischen den Familien entstand: „Wir werden euch nie vergessen, ihr wart so gut zu uns“, heißt es von den ehemaligen Gästen, die ihre neuen Freunde über ihren Neuanfang und ihr weiteres Leben auf dem Laufenden hielten.

Ein erster Besuch der Elsässer Martin und Alois Pflieger in Dreihausen folgte erst nach dem Zweiten Weltkrieg - die alten Bekannten aus der Fremde, die Hans-Peter noch aus seiner Kindheit kennt, erneuerten auch die Verbindung zu den Wirths. Die Besuchertradition machten sich auch die folgenden Generationen zu eigen: Was die Großväter in Gang setzten, hat bis heute auf beiden Seiten der Grenze Bestand. Erst waren es Karl-Heinz und Elfriede, die in die Fußstapfen der früheren Generation traten, nun sind es der Sohn und die Schwiegertochter, welche die Tradition weiterführen.

Feier mit Elsässer Gugelhupf

„Nun liegt es an uns, die Freundschaft weiter zu pflegen, und das mit den schönsten und besten Franzosen“, sagt Heike Hämer und lacht herzlich. Auch die beiden Kinder der 52-Jährigen waren schon bei Besuchen im Elsass dabei. Die gegenseitige Wertschätzung und Verbindung zwischen Gastgebern und Gästen ist spürbar. „Es sind so liebe Menschen, sie haben schon unsere Großeltern so gut aufgenommen“, blickt Joseph Wirth heute mit 81 Jahren gerührt in die Vergangenheit. Die ein oder andere Freudenträne lässt sich während des Besuches nicht verbergen. Zur Feier des Tages luden Hämers auch andere ehemalige Gastgeber-Familien aus Ebsdorfergrund zu einem Festessen ein, die Gäste aus Frankreich steuerten einen original Elsässer Gugelhupf bei. Ausgiebig angestoßen wird mit Sekt aus ihrer Heimat: „auf unsere Freundschaft“, lautet der Trinkspruch der Familien, der spürbar von Herzen kommt.

von Ina Tannert

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