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Ein kleines Plunder-Wunder

Das wäre mal eine(r) Ein kleines Plunder-Wunder

Der Tauschladen PlunderWunder ist ein beliebter Treffpunkt für Tauschwillige aus ganz Marburg. Susanne Reinsch, Helena Schwedhelm und Martin Scharl engagieren sich ­neben dem Studium für das Projekt.

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Martin Scharl, Susanne Reinsch und Helena Schwedhelm (von links) engagieren sich im Tauschladen „PlunderWunder“. Dort finden viele Menschen neue Kleidung und andere Dinge.

Quelle: Lisa Rösser

Marburg. Einen Laden der besonderen Art ist in der Heusingerstraße, in direkter Sichtweite der Biegenstraße und unweit der Stadthalle. Einmal in der Woche - jeden Mittwoch zwischen 17 und 19 Uhr - kann dort jeder, der irgendetwas übrig hat oder vielleicht auch ­etwas sucht, sich an einem ­regen Austausch ­beteiligen. Denn gemeinsam mit der Fahrrad-Selbstreparatur-Werkstatt RADikate und der Asylbegleitung hat sich dort das PlunderWunder eingerichtet.

„Das Konzept ist, so ein bisschen einen geldfreien Raum zu schaffen, wo man Waren abgeben aber auch mitnehmen kann und sich vielleicht über sein ­Verbraucherverhalten klar wird“, erklärt Susanne Reinsch, die an dem Projekt mit beteiligt ist. „Früher ging es vor allem ums Tauschen, aber das hat sich gelockert. Manche geben nur etwas ab, andere nehmen nur etwas mit.“

Reinsch aus Celle studiert seit drei Jahren in Marburg Geographie und mischt seit eineinhalb Jahren beim PlunderWunder mit. „Ich weiß noch, dass ich mich damals gern ehrenamtlich engagieren wollte, hab dann davon im Express gelesen und weil ich Klamotten mag, bin ich da ein bisschen reingerutscht“, erzählt sie. Außerdem wollte sie helfen, Umweltbewusstsein zu entwickeln.

Die Studentin hat neben dem Tauschladen auch einen Nebenjob in einer Kita - deswegen werde Sie das Studium auch nicht in sechs Semestern schaffen. „Aber das will ich auch gar nicht so, weil ich ein bisschen Ausgleich im Leben möchte, ein bisschen was geben.“

Tatsächlich ist es im Tauschladen gar nicht so, dass man zwingend etwas mitbringen muss, anders als viele erwarten - denn Mangel herrscht im PlunderWunder eigentlich fast nie. „Viele Sachen kommen zum Beispiel aus Haushaltsauflösungen oder werden vorbeigebracht, wenn jemand seinen Dachboden oder Keller ausgeräumt hat“, erzählt Reinsch. Daher ist es auch kaum verwunderlich, dass neben Kleidung aller Art auch Haushaltsgeräte und allerlei andere Dinge beim PlunderWunder landen.

Beschränkungen dafür, was abgegeben werden kann, gibt es im Grunde nicht - außer, dass die Dinge einsatzbereit sein müssen. „Manche haben uns früher ihren Müll gebracht, vor allem als wir noch im Tunnel waren. Vielleicht dachten sie, dass wir damit irgendwas machen können. Aber wenn wir das am Ende selber entsorgen müssen, ist das sehr viel Arbeit“, sagt sie. „Aber es funktioniert“, meint Helena Schwedhelm, die ebenfalls am Projekt beteiligt ist, stolz. „Die Leute bringen schöne Sachen mit, kaum Schrott. Man kann sich richtig einrichten.“

Schwedhelm studiert in Marburg Germanistik. Sie kam vor drei Jahren aus Bonn nach Marburg und vor knapp einem Jahr stieß sie zum Team von PlunderWunder. „Man ist hier ein bisschen an der Quelle - man sagt ja auch, der Bonbonverkäufer ist selbst sein bester Kunde. Auch die Leute, die man trifft - ein paar Stammkunden kommen jede Woche - das ist schon toll. Und man kann sich hier ziemlich austoben, kann das gestalten: Was stelle ich heute raus, wie präsentiere ich das am besten?“, erklärt sie ihre Motivation für das Projekt.

Wenn Schwedhelm nicht studiert und im Laden steht, macht sie noch zwei eigene Sendungen bei Radio Unerhört. „Ich lass mich schnell begeistern von Engagement. Sonst hab ich keine Hobbies - außer Engagieren und Studieren.“

Der „Tunnel“ war die Unterführung unter der Biegenstraße, in der früher unter anderem das PlunderWunder untergebracht war. Nachdem aber vor einem Jahr die Nachricht kam, dass der Tunnel wegen der Bauarbeiten an der Stadthalle zugeschüttet werden würde, mussten neue Räumlichkeiten gefunden werden. „Es war sehr schwer“, meint Reinsch. „Von 100 Anfragen, die wir rausgeschickt haben, kamen vielleicht gerade mal zehn zurück. RADikate bekam dann diesen Raum und wir konnten mit dazu. Da waren wir sehr erleichtert und es ist auf jeden Fall ein Gewinn, jetzt hier sein zu dürfen.“

Das liegt nicht nur daran, dass jetzt etwas mehr Platz vorhanden ist, sondern auch, dass der Kontakt enger und der Gemeinschaftssinn zwischen allen dadurch größer geworden ist. „Wir haben das jetzt alle gemeinsam aufgebaut. Es ist offener und es kommen auch mehr Leute aller Altersstufen vorbei“, fügt Helena hinzu. Und Kollege Martin Scharl meint, dass es besonders viel Spaß mache zu sehen, wie rege die Beteiligung ist. „Wenn man mit auf Feste geht, Tauschparties, dann geht schon viel weg. Das ist immer viel Arbeit, aber auch sehr cool.“

Scharl kam vor vier Jahren aus Landshut nach Marburg. Er studiert BWL und VWL und kam zum Plunder-Wunder-Team, weil er sich engagieren wollte - neben seiner Arbeit in einer Organisation für Entwicklungshilfe. „PlunderWunder ist schön geradlinig. Man weiß, dass man damit nichts Schädliches bewirkt. Man hat auch die Hoffnung, dass die Leute sich ein bisschen Gedanken machen. Das ist schon auch etwas konsumkritisch“, sagt er.

Auch in anderen Bereichen seines Lebens ist der Student konsumkritisch: Er trampt, er macht Foodsharing und Couchsurfing - teilt also Essen und übernachtet auf Reisen in privaten Wohnungen unbekannter Menschen. „Insgesamt bin ich ein sehr spontaner Mensch. Ich entscheide nicht gerne Monate im Voraus, was ich machen will. Ich sage lieber spontan: Darauf hab ich Lust. Da darf man dann natürlich aber auch nicht enttäuscht sein, wenn zum Beispiel die Karten für ein Festival schon weg sind. Manchmal studier‘ ich auch.“

„Mein Traum wäre es, einen richtigen Laden zu haben, der immer auf ist und nicht nur einmal die Woche für zwei Stunden“, schwärmt Susanne Reinsch. „Und auch was Größeres als jetzt. Aber dafür sind wir im Moment auch einfach zu wenige.“ Insofern steht nicht nur der Laden jedem Interessierten offen - auch wer sich selbst engagieren möchte, ist herzlich willkommen. Wer Interesse hat, ein Teil des Projektes zu werden, sollte sich insbesondere den 27. Juli im Kalender markieren. An diesem Tag sind ganz besonders Neuzugänge willkommen, um das Projekt kennenzulernen und vielleicht mit einzusteigen. „Man muss auch nicht Student sein - jeder kann mitmachen“, lacht Martin Scharl.

von Lisa Rösser

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