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Ein Ritter in strahlender Rüstung

OP-Jubiläumsserie: Das wäre mal einer Ein Ritter in strahlender Rüstung

Während andere Menschen Fernseh schauen oder Fußball spielen, übt sich Holger Naumann im Schwertkampf. Als Ritter Wenzel vom Mühlstein zieht er durch die hessischen Lande.

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Holger Naumann verkauft als Wenzel vom Mühlstein seine Schilder mit aufwändig gestalteten Wappen und Mustern online und auf Mittelaltermärkten in Hessen.

Quelle: Pikselin-photo emotions

Cölbe. Wenn der edle Ritter seine komplette Rüstung trägt und Schwert und Schild in die Hand nimmt, dann trägt er 35 Kilogramm mit sich. „Episch lange Schwertkämpfe wie im Kino sind da gar nicht möglich“, sagt Holger Naumann über sein schweißtreibendes Hobby. „Wir liefern uns kurze, aber auch harte Kämpfe“, erzählt er. Die Schwerter der Kämpen sind natürlich stumpf - Verletzungen, mindestens aber blaue Flecken, tragen die Männer und Frauen dennoch regelmäßig davon. „Mir fehlt ja schon was, wenn ich montags ohne Blutergüsse an die Arbeit gehe“, scherzt Naumann.

Der Cölber gehört der Mellnauer Ritterschaft an, ist eines der Gründungsmitglieder. Seit neun Jahren gibt es diese Ritterschaft, die sich dem späten Mittelalter des ausgehenden 15. Jahrhunderts verschrieben hat. „Wir stellen nicht nur die Zeit dar, wir betreiben auch den Schwertkampf als richtigen Sport“, erklärt er. „Ich wollte eine besondere Sportart machen und kein Fußball spielen. Ich habe noch nie ein Fußballspiel auch nur im Fernsehen gesehen.“ Jede Woche trainiere er das Bloßfechten. „Wir haben da keine Choreografie, üben keine Show ein“, erklärt der 37-Jährige. „Wir kämpfen richtig, auch wenn wir auf Mittelaltermärkten auftreten.“

In der Gruppe von Naumann gibt es aber nicht nur Schwertkämpfer. Einige Mitglieder stellen auch Falkner nach: „Wir haben verschiedene Greifvögel immer dabei“, sagt der 37-Jährige. Eine Schleiereule gehöre etwa genauso zur Gruppe, wie ein Uhu. Naumann selbst übt sich nicht in der Falknerei, sondern im Rüstkampf mit Plattenrüstung - und im Schildbau. Die verziert er gerne mit detaillierten und farbenfrohen Wappen, mit typischen Schildmustern aus dem Mittelalter, dafür aber mit ungewöhnlichen Formen.

Naumann suchte selbst ein besonderes Schild. „Diese Form bot aber auf Märkten keiner an“, erklärt er. Der Grund war einfach: Eine Presse sei dafür nötig, die mindestens 300 Kilogramm pressen könne. „Also habe ich mir so eine Presse selbst gebaut und biete diese Schilde jetzt selbst an.

„Man lernt, ganz anders mit der Zeit umzugehen.“

„Die Schilde wurden im 15. Jahrhundert immer bunter und aufwendiger“, erklärt Naumann. Eine Theorie sei laut dem Schildbauer, dass die karg lebenden Söldner etwas Schönes um sich haben wollten. Sie bemalten daher ihre Schilde, wenn sie lagerten. „Sie konnten sich ja nicht in den Graben legen und den Fernseher anschalten.“

Zahlreiche solcher Schilde hängen in der Wohnung von Naumann und zieren Wände und Schränke. Er verkauft sie allerdings auch auf Märkten oder fertigt Auftragsarbeiten für andere Ritter an. „Ich mache das mittlerweile nebenberuflich“, erklärt der Mitarbeiter eines Reißverschlussherstellers. Auf Märkten oder über seinen Online-Shop bekomme er die Aufträge.

Mit seiner Gruppe schlägt Naumann bei Mittelaltermärkten in ganz Hessen gerne sein Lager auf. Er ist dann als Wenzel vom Mühlstein, Söldner im Dienste Kaiser Maximilians I. dabei. „Ich komme aus Cappel“, erklärt er die Namenswahl. Cappel hat das Mühlrad im Wappen, daraus habe er seinen Namen und sein eigenes Wappen mit einem Mühlstein und einer Andeutung der Lahn abgeleitet.

„Im Lager schlafen wir schon im Zelt und kochen über offenem Feuer im Kessel“, erklärt der 37-Jährige. „Wir nehmen das aber nicht so ernst: Im Kessel ist auch manchmal eine fertige Nudelsuppe.“ Er selbst habe auch eine Dusche in seinem Zelt, neben dem Himmelbett. „Die Herausforderung ist nur, dass man alles reisetauglich baut und so, dass es schnell aufgebaut und wieder abgebaut werden kann.“ Deshalb würden die meisten Mitglieder solcher mittelalterlichen Gruppen handwerkliches Geschick mitbringen, denn die komplette Ausrüstung für Zelt und Lager werde in Eigenregie gebaut. „Dabei bringt sich jeder mit seinen Fähigkeiten ein und man hilft sich untereinander.“ Und: man lerne beim Bauen. „Ich habe auch erst vieles gebaut und dann festgestellt, dass es nicht praktikabel ist für ein Wochenendlager.“

Der junge Ritter genießt die Zeit auf den Märkten: „Dort ist es ruhiger, der Rhythmus des Alltags ist viel langsamer.“ Nach einigen Tagen auf einem Markt sei er selbst viel gelassener. „Man lernt, ganz anders mit der Zeit umzugehen, nicht so hektisch zu sein und viele Dinge wieder selbst zu machen - egal ob Möbel bauen oder Essen kochen.“ Zu sehen ist Naumann auch oft bei Dorffesten oder Grenzgängen. Dafür werde die Gruppe ­regelmäßig engagiert, um einen Hingucker im Festzug zu bilden oder einen Schaukampf zu liefern. Auch beim Hessentag in Herborn zeigten die Ritter sich.

„Das ist wie ein Virus, mit dem man sich anstecken muss“, sagt Naumann über sein Mittelalter-Hobby. Er habe sich als Tourist auf Mittelaltermärkten angesteckt, hatte aber als Kind schon ein Faible für Burgen und Schlösser. „2007 war dann ein Aufruf in der OP“, erinnert er sich. Für den Elisabethmarsch zum Mittelaltermarkt in der Stadt wurden Laiendarsteller gesucht. „Da habe ich mir eine laienhafte Grundausrüstung gekauft und mitgemacht. Es war der Funke, der meine Leidenschaft entfacht hat.“ Er habe einige Gleichgesinnte kennengelernt und mit ihnen kurzerhand die „freye Ritterschaft“ gegründet. „Mittlerweile sind wir ein komplett bunter Haufen: Singles, Paare, Familien.“ Die älteste Schwertkämpferin sei Ende 50, der jüngste sei neun Jahre alt.

„Und wir sehen die Hierarchie locker“, erklärt Naumann. Jeder dürfe die Rolle verkörpern, die er wolle. Der Landknecht dürfe dabei auch beim Adel am Tisch sitzen und mit dem Schmied scherzen. Einen Lord, der das Sagen über die ganze Truppe hat, gibt es nicht: „Wir entscheiden gemeinsam, in welche Richtung die Gruppe sich entwickeln soll und auf welche Märkte wir fahren.“

von Patricia Grähling

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