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Ein Beruf im Wandel der Zeit

Schriftsetzer Ein Beruf im Wandel der Zeit

In 150 Jahren verändert sich viel. Vor allem die Technik hat in dieser Zeit große Sprünge gemacht. Auch vor den Arbeitsabläufen bei der OP hat sie keinen Halt gemacht – und so ist der Schriftsetzer völlig verschwunden.

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Bei der Arbeit des Schriftsetzers war Fingerspitzengefühl gefragt: Die kleinen Lettern wurden im ­sogenannten Winkelhaken gesetzt. Ein Buchstabe war in den goldfarbenen Matrizen enthalten, die in der Setzmaschine gesammelt und zu einer ganzen Zeile ausgegossen wurden.

Quelle: Patricia Grähling

Marburg. Verschwunden ist der Schriftsetzer aus dem Druckhandwerk im Allgemeinen und aus den Arbeitsprozessen bei der OP. Dennoch arbeiten im Haus noch einige der letzten gelernten Schriftsetzer – sie mussten sich allerdings weiterentwickeln und arbeiten heute unter anderem als Mediengestalter. Zu ihnen gehört Manfred Schmidt.

Manfred Schmidt hatte am 1. August 1974 seine Lehre zum Schriftsetzer bei der OP begonnen. Seit dem 7.7.1977 ist er Geselle. „Eigentlich wollte ich technischer Zeichner werden, aber es gab in der Gegend keine Lehrstellen“, verrät er. Dann machte er ein Praktikum in der Druckerei der OP und kam so an die Lehrstelle zum Schriftsetzer.

Den Job als technischer Zeichner hätte es heute noch gegeben. Schriftsetzer werden seit Ende der 1980er-Jahre in Deutschland nicht mehr ausgebildet. Der Beruf ist mit dem Offsetdruck so gut wie verschwunden. „Im Prinzip ist der Schriftsetzer der Vorläufer des Mediengestalters“, sagt Schmidt. Diesen Job hat er heute auch bei der OP inne, nennt sich aber nicht so. „Schließlich bin ich gelernter Schriftsetzer.“

„Das war Fuddel-Arbeit, bis eine Seite fertig war“

Die Arbeit als Schriftsetzer war laut Schmidt vor allem eine Arbeit mit den Händen. „Ich habe noch im Bleisatz Anzeigen, Plakate und Visitenkarten gesetzt“, erzählt Schmidt von seiner Ausbildung. Die Texte setzte er mit einzelnen Buchstaben. Auch die Fahrpläne der Bundesbahn und der Stadtwerke habe er damals gesetzt. Bei den Zeitungen lief die Arbeit schon etwas anders ab: „Die Seiten wurden in gegossenen Zeilen aus Blei gesetzt und nicht in einzelnen Buchstaben.“

„Das Setzen war damals ein riesiger Aufwand. 20 bis 25 Setzer haben in Schichten hier gearbeitet“, erinnert sich Schmidt. „Das war Fuddel-Arbeit, bis eine Seite fertig war.“ Noch komplizierter war zum Beispiel die Lebensmittelwerbung für die Anzeigenseiten: „Die Werbeanzeige wurde glatt ausgegossen und die Texte und Zahlen mussten wir einbauen. Eingebläut wurde ihm dabei vom Ausbilder immer wieder, dass er vor dem Essen gründlich die Hände ­waschen müsse, denn Blei ist giftig.

Die Arbeit war laut Schmidt (Foto: Patricia Grähling) nicht nur für die Hände – manchmal erforderte sie auch vollen Körpereinsatz. „Ich musste öfters in die Druckmaschine klettern und einzelne Buchstaben tauschen. Danach war man natürlich voller Farbe.“ Wegen der Druckerfarbe hat Schmidt übrigens auch seinen Spitznamen „Paul“ bekommen: Ein Drucker schlug die Hand von Schmidt in rote Farbe. „Ich war total vollgespritzt und wollte es abwaschen – dann wurde die Farbe rosa.“ Den Spitznamen „Paul Panther“ hat er seither weg.

Schon kurz nach der Lehre arbeitete Schmidt eigentlich nicht mehr als Schriftsetzer. Wie die meisten seiner Kollegen in ganz Deutschland musste er sich auf den Fotosatz einstellen. „Das habe ich 30 Jahre lang im Schichtdienst gemacht“, erzählt er. Für den Fotosatz wurden etwa fünf bis sechs Anzeigen auf eine lange Fahne gesetzt. Die wurden anschießend ausgeschnitten und mit Bienenwachs auf einen Musterbogen geklebt.

„Wir arbeiten jetzt nur noch am Computer“

„Von dem Bogen wurde dann ein Foto gemacht und mit dem Film wurde eine dünne Aluplatte mit einer Kunststoffschicht belichtet.“ Fertig war die Druckplatte für eine Zeitungsseite. „Wenn allerdings etwas geändert werden musste, war das sehr aufwendig“, erklärt Schmidt. Änderte ein Werbekunde etwa nach der Korrektur der Seite noch eine Telefonnummer, musste die ganze Seite neu aufgenommen werden.

Dann kam die nächste technische Revolution und Schmidt musste seine komplette Arbeitsweise wieder ändern: Wir arbeiten jetzt nur noch am Computer“, erklärt er. Auf den noch leeren Zeitungsseiten platziert er die Anzeigen von Werbekunden, bereitet die Zeitung technisch vor, damit die Redakteure ihre Artikel darauf schreiben können.

„Wenn die Seiten fertig sind, schauen wir nochmal drüber“, erklärt er. Da wird optisch schon mal nachgebessert, Schmuckfarben in druckfähige 4C-Farben umgewandelt. Zum Schluss geben die Mediengestalter die technisch einwandfreien Seiten frei und schicken sie elektronisch an die Druckerei. Dort entstehen dann die Druckplatten und die OP von morgen kann hergestellt werden.

„Eigentlich habe ich die komplette technische Revolution vom Bleisatz bis heute mitgemacht“, sagt Schmidt. Und er ist stolz darauf. Deswegen hat er einige alte Lettern aus seiner Anfangszeit bei der OP gerettet – denn das wurde alles weggeworfen. „Für mich sind es tolle Erinnerungen.“

von Patricia Grähling

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