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„Die Kunden sind unsere Arbeitgeber“

Das wäre mal eine(r) „Die Kunden sind unsere Arbeitgeber“

Für manche Menschen ist es auf dem regulären Arbeitsmarkt schwer. Das musste auch Andreas Voß lernen, nachdem er an Depressionen erkrankte. Er hat sich jedoch über die Lebenshilfe zurück ins Arbeitsleben gekämpft.

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Einzelhandelskaufmann Andreas Voß arbeitet in einem Supermarkt im Stadtwald. In dem Geschäft arbeiten vor allen Dingen Menschen mit seelischen oder körperlichen Erkrankungen.

Quelle: Nigar Ghasimi

Marburg. Freundlich begrüßt Andreas Voß die Kunden und zieht mit leichter Hand die Ware über die Kasse des Tegut-Markts im Stadtwald. Der Betrieb ist einer von etwa 50 in Hessen und muss sich - wie jeder andere Markt - im Wettbewerb der freien Marktwirtschaft behaupten. „Unser tatsächlicher Arbeitgeber sind die Kunden“, sagt Andreas Voß. „Wenn diese kommen, haben wir Arbeit; wenn nicht, dann nicht.“

Obwohl der Lebensmittelmarkt sich wie ein gewöhnlicher Laden im Wettbewerb halten muss, ist es doch kein ganz so gewöhnlicher Laden. Der kleine Supermarkt wird betrieben von der Lebensmittelpunkt GmbH - einer Tochter des Lebenshilfewerks. Beschäftigt werden bei dem Unternehmen vor allen Dingen Menschen mit geistiger, seelischer oder körperlicher Einschränkung.

Der mittlerweile 50-jährige Einzelhandelskaufmann Voß bringt eine Menge Erfahrung mit. „Ich wollte nicht einfach irgendwas in die Luft lernen“, sagt er entschlossen über seine Berufswahl. „Es sollte etwas sein, bei dem ich meine Fähigkeiten einsetzen, aber auch weiter ausbauen konnte.“ Schon mit 16 Jahren begann er seine Ausbildung in einem Lebensmittelgeschäft, doch weil er durch die Führerscheinprüfung fiel wurde er nicht übernommen. In Folge war er zwei Jahre arbeitssuchend.

Neue Möglichkeiten eröffneten sich

Zur inneren Leere, der er jetzt ausgesetzt war, kam noch die zermürbende Auseinandersetzung mit der Bundeswehr hinzu, die ihn in die erste manisch-depressive Phase stürzte. „In den 80er-Jahren kam man da ohne Anwälte nicht raus“, sagt er besonnen. Der Grund für seine Ablehnung gegenüber der Bundeswehr? „Ganz einfach, ich will keine Menschen töten. Ich will ihnen viel lieber helfen, denn ich mag sie“, sagt er mit klarer Überzeugung in der Stimme.

Die Krise, in den ihn diese Konfrontationen stürzten, verschlug ihn schließlich nach Marburg, wo er in einer betreuten Wohneinrichtung lebte.

Eine glückliche Zeit stand ihm in einem Naturkostladen bevor. Dort machte er seinen Ausbilderschein, der ihn dazu befähigte, in der integrativen Arbeit, mit Hilfe von Pädagogen, Anwärter für den Beruf des Einzelhandelskaufmanns auszubilden. „Ja, die Erwachsenenbildung hat mir wirklich sehr großen Spaß gemacht“, sagt er und lächelt dabei scheu. Acht Jahre lang habe er in dem Laden in der Gutenbergstraße gearbeitet, bis die Firma aufgrund fehlender staatlicher Subvention zur Schließung gezwungen war.

Viele Stationen hat Andreas Voß in seinem Leben durchlaufen. Er spricht von vielen guten, aber auch einigen schlechten Erfahrungen auf dem ersten Arbeitsmarkt. Eine Marburger Bäckerei entließ ihn während der Probezeit, weil er mit einem blauen Auge hätte arbeiten müssen, das er sich durch einen Sturz auf dem Bürgersteig zugezogen hatte. Die zweiwöchige Krankschreibung wurde als Alternative nicht akzeptiert, erklärt er und legt seine Wange nachdenklich zwischen Daumen und Zeigefinger. „In der Probezeit kann man sich nicht wehren und ich wollte mir nie mit Ellenbogen Platz machen, mich aufdrängen. Das ist einfach nicht meine Art.“

Andreas Voß mag es, wenn die Arbeit ihn fordert

Auf Anraten des Lebenshilfewerks nahm er anschließend in deren Werkstätten und Naturkostladen die Tätigkeit auf. Die Kundenströme waren jedoch so gering, dass er schlichtweg unterfordert war. „Ich mag es, wenn die Arbeit auf mich zukommt und es richtig viel zu tun gibt“, sagt er mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht. So konnte er im Michelbacher Dorfladen der Lebensmittelpunkt GmbH sehr gut zur Hand gehen. Dort hat er bereits die Abläufe der Ladenkette kennengelernt. Seit Mitte August arbeitet er nun im Stadtwald. Er freut sich über die Struktur, die die Arbeit in seinen Tag bringt und besonders darüber, beim Kassieren oder der Paket-Annahme in Kontakt mit vielen Menschen zu kommen, denen er gerne mit seinen Kenntnissen weiterhilft.

„Ich könnte jederzeit wieder in die Werkstatt oder auf den ersten Arbeitsmarkt. Es kommt nur auf meinen gesundheitlichen Zustand an, auf mein Wohlbefinden. Aber das hat sich im Laufe der letzten Jahre sehr stabilisiert.“ Er pausiert einen Moment und fügt hinzu: „Es ist aber auch vorher schon nur sehr selten vorgekommen, dass ich wegen meiner Gesundheit nicht zur Arbeit erschienen bin. Das passiert nur, wenn es wirklich überhaupt nicht anders geht.“

Einen Ausgleich zu seiner Arbeit bieten ihm seine zwei Leidenschaften: der Sport und die Musik. Dabei darf der Deutsche Rock, gerne auch jener aus dem ehemaligen Osten, nicht fehlen. Wie zum Beispiel die Band „Karat“, deren Marburger Auftritt sich Andreas Voß natürlich nicht entgehen lassen wird. Auch Herbert Grönemeyer gehört zu den Stimmen, die er sich gerne anhört. Seine eigenen musikalischen Fähigkeiten kommen von Zeit zu Zeit auf dem Keyboard zum Klingen. Und wenn es nicht die Musik ist, dann hält er sich gerne in der „Mukkibude“ oder auf dem Fahrrad in Schuss.

Ein Ausblick auf die nächsten Jahre? Seit seiner Zeit im Naturkostladen beschäftigt ihn immer öfter der Gedanke, selbst einen kleinen Laden zu eröffnen. Mit einem Geschäftspartner kann er sich gut vorstellen, die Leitungsverantwortung zu übernehmen. Doch bis dahin hilft er noch den Kunden im Stadtwald weiter.

von Nigar Ghasimi

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