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Der Herr der Drachen

Das wäre mal einer Der Herr der Drachen

An der Stadtautobahn kriecht in der Nähe des Hauptbahnhofs ein riesiger Drache eine Hauswand hoch. Den Drachen kennen viele Marburger und Touristen, den Herrn des Drachen aber nur wenige: Udo Geisel hat ihn geschaffen.

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„Fleischer müssen kreativ sein“

Ein 50 Kilo schwerer Drachen aus Stahlblech rostet im Garten von Udo Geisel langsam vor sich hin.

Quelle: Patricia Grähling

Cappel. Der Garten der Familie Geisel ist ein wahres Drachenparadies: Ein kleiner Drache rollt sich in einem Nest zusammen, mitten in einer Rankhilfe; ein 50-Kilo-Drache steht am Gartenzaun, überzogen von Rost; ein Drachenskelett schlängelt sich im Blumenbeet; bald ziert ein Gartentor in Gestalt eines Drachen den Eingang in dieses Reich.

Udo Geisel hat sie aus Metallbändern geformt und liebevoll die neuen Standorte ausgewählt. „Viele Drachen sind versteckt“, sagt er. „Sie wollen entdeckt werden.“ Die Drachen des 47-Jährigen leben jedoch nicht nur in seinem eigenen Garten – sie sind in ganz Deutschland verteilt. „Im Landkreis zieren mindestens 10 meiner Drachen Hauswände, Garagen und Gartenzäune“, erzählt Geisel. Manche seien gut sichtbar, andere etwas versteckter.

Sehr gut sichtbar ist der Drache an der Stadtautobahn. Er hängt dort schon seit vielen Jahren und hat Geisel viele Kunden gebracht, die nur auf der Durchreise waren. „Dort halten oft Leute und fragen, wo der Drache herkommt“, sagt der Ingenieur, der hauptberuflich in der Entwicklung bei einer Solarfirma tätig ist. Über diesen „Aushängedrachen“ habe er nun schon viele weitere Metallechsen ins Rhein-Main-Gebiet oder nach Berlin verkauft.

„Menschen fühlen sich 
zu Drachen hingezogen“

Die Liebe zu Drachen und der Gestaltung mit Metall habe Geisel eher zufällig entdeckt, als er noch im Innenausbau tätig war. „Wir hatten einen hohen Anspruch an die Formgebung. Alles sollte organisch aussehen, etwa wie bei Hundertwasser.“ So habe er in Wetzlar eine Kneipe gestaltet, brauchte aber noch Lampen über acht Tischen.

„Wir wollten einfach keine Schlitze in die dicke Betondecke machen. Die Kabel der Lampen sollten aber auch nicht sichtbar sein“, sagt er. So wurde die Idee geboren, vier doppelköpfige Drachen an die Decke zu hängen. In den Köpfen waren die Leuchtmittel angebracht, die Kabel im Körper verschwunden. „Das waren meine ersten Drachen. Die waren noch sehr einfach mit Draht gewickelt“, erinnert er sich zurück. Die Leidenschaft hingegen war geweckt und Geisel wollte es besser hinkriegen. Plastisch sollten die Drachen wirken.

Einen besonderen mystischen Bezug zu Drachen habe er selbst nicht. Aber es seien „dankbare Objekte“, die sich gut formen lassen und bei denen er mehr Fantasie und Kreativität einbringen könne, als wenn er reale Tiere nachbilde. Er arbeite frei und das bereite ihm richtig Freude. „Außerdem fühlen sich viele Menschen zu Drachen hingezogen. Das sieht man an Tribal-Tattoos und auf den Mittelalter-Märkten sehr gut.“

Mehrere Tage baut Geisel an einem Drachen, wie er verrät. Das sei natürlich auch abhängig von der Größe und den Kundenwünschen. Das Prinzip des Drachenbaus hingegen klingt denkbar einfach: Geisel wickelt Blechbänder zu einem länglichen Korpus, verbindet jede Biegung im Blech mit Schweißpunkten.

Auch die Gliedmaßen entstehen so. Den Kopf hingegen schneidet er aus einem dünnen Blech aus, Krallen bestehen oftmals aus kleinen Stäben. Meist arbeitet der Ingenieur mit Edelstahl oder mit schwarzem Stahlblech. „Edelstahl bleibt wie es ist, aber das Stahlblech fängt draußen irgendwann an zu rosten.“ Diesen Effekt wolle er bewusst erzielen, denn er schätze das rötlich-rostige Aussehen. „Nach ein bis zwei Jahren kann man den Drachen dann aber auch konservieren“, verrät er. Dann roste er nicht weiter.

Wetterdrache soll den Wetterhahn ersetzen

„Die Kunden haben meistens schon konkrete Vorstellungen, wie ihr Drache aussehen soll“, erklärt er. Der eine wolle ihn an eine Hausecke hängen, der andere auf das Hausdach. Manchmal solle der Kopf nach unten zeigen und über die Schulter zeigen, manchmal um die Ecke schauen. Deswegen gestalte er immer erst eine Skizze und bearbeite diese so lange, bis der Kunde zufrieden sei. Da müssten mal die Flügel größer werden oder die Arme kürzer, als auf seiner Zeichnung. Dann gehe es an die Arbeit.

Anfangs war die Gestaltung der Drachen nur ein Hobby. Aufgrund der Nachfragen sei es nun jedoch schon ein Kleinunternehmen. Etwa drei bis vier Drachen gestalte er im Jahr – manchmal auch für den eigenen Garten. Und darin ist noch genügend Platz: Vor zwei Jahren ist Geisel mit seiner Familie erst nach Cappel gezogen, hat zu seinem neuen Haus ungeplant einen großen Garten dazubekommen. „Der will noch gefüllt werden“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Ideen habe er viele, die Pläne wolle er nach und nach abarbeiten. „Der Garten hat mich auch inspiriert“, verrät er. So gebe es dort viele Rosen. Rankhilfen mit Drachen und kunstvoll geschwungenen Stäben lägen daher nahe ( Foto: Grähling). Und wo derzeit auf dem Dach noch ein Wetterhahn thront, solle demnächst ein Drachen sitzen.

„Ich möchte auch gerne mal etwas Kinetisches bauen“, erklärt Geisel. Einen Drachen mit beweglichen Flügeln könne er sich gut vorstellen. Auch wolle 
 er irgendwann einmal was richtig Großes schaffen – größer als den etwa vier Meter langen Drachen an der Stadtautobahn. Grundsätzlich sei Geisel jedoch nicht auf Drachen festgelegt. Auch Libellen und andere Insekten habe er schon geformt. Manchmal arbeite er auch mit Holz. So habe er Möbel für das neue Heim selbst entworfen und gezimmert.

Gewerkelt wird derzeit noch mit einem Freund zusammen in einer Garage in Bracht. „Aber ich möchte mich auch hier zuhause einrichten, so dass ich hier manche Arbeiten machen kann.“ Gerade für das Gestalten der Drachen benötige er ja nicht viele Werkzeuge. Jedoch fehle im Moment auch etwas die Zeit. Geisel hat schließlich drei Kinder, die Jüngste ist vier Jahre alt. Er selbst hat deshalb seine Arbeitszeit als Ingenieur reduziert, um für den Nachwuchs da sein zu können.

von Patricia Grähling

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