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„Bildung ist der Schlüssel für alle Türen“

OP-Jubiläumsserie: Das wäre mal einer „Bildung ist der Schlüssel für alle Türen“

Die Mathematik, die Lehre und die Schüler bestimmen den Alltag von Dr. Ammar Al Yammaz – er unterrichtet ehrenamtlich Generationen von Flüchtlingskindern. Dabei wollte er eigentlich gar nicht in Deutschland bleiben.

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Mathe für alle: Ehrenamtlich und mit Leib und Seele unterrichtet Dr. Ammar Al Yammaz aus Syrien die Kinder im Flüchtlingszentrum in Gisselberg.

Quelle: Ina Tannert

Gisselberg. Entspannt und stets mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht wandert Ammar Al Yammaz durch die Flure des Flüchtlingsportals in Gisselberg.

Ständig begegnen ihm Gruppen von Kindern und Jugendlichen, die „ihren“ Lehrer fröhlich grüßen – sie sind ein Grund, warum er immer noch hier ist, ihnen hilft er auf dem Weg „in ein Leben mit neuen Chancen“.

Lehrer sein bestimmt nicht nur den beruflichen Alltag des Mathematikers und Pädagogen – auch privat hört der Unterricht für ihn eigentlich nie auf. Der 37-Jährige aus Syrien unterrichtet die Intensivklassen an der Elisabethschule und lehrt an den Beruflichen Schulen in Kirchhain.

Ehrenamt ist eine Herzensangelegenheit

Neben dem Beruf ist er auch im Ehrenamt voll in die Lehrtätigkeit eingestiegen, lernt seit Februar mit den Kindern aus dem Cappeler Flüchtlingscamp und gibt bereits zugewiesenen Flüchtlingskindern Nachhilfe.

Sein Ehrenamt ist ihm eine Herzensangelegenheit, „ich kann und will unbedingt helfen“, erzählt Al Yammaz. Natürlich am liebsten in seinem Expertenfach, der Mathematik. Mit Zahlen konnte der 37-Jährige schließlich schon immer bestens jonglieren, war schon als Kind ein kleines Mathe-Ass.

Geboren und aufgewachsen ist der Lehrer in Dara in Syrien. Dort ging er zur Schule, studierte schließlich an der Universität in Damaskus, seine ganze Leidenschaft ist die numerische Mathematik. „Das ganze Leben ist Mathematik und besteht nur aus 0 und 1“, schmunzelt er.

Vor zehn Jahren kam er zum ersten Mal nach Deutschland, um in Düsseldorf erfolgreich seinen Master abzuschließen, kehrte vorerst zurück in seine 
Heimat. Im Jahr 2010 zog es ihn als Doktorand samt Familie nach Marburg. In der Universitätsstadt lebt er mit seiner Ehefrau und den gemeinsamen drei Kindern, promovierte schließlich im vergangenen Jahr.

Ohne geklärten Aufenthaltsstatus keine Schulpflicht

Ein Opfer des syrischen Krieges wurde er glücklicherweise nicht, doch versteht er, warum so viele seiner Mitmenschen in den Westen fliehen und will diesen helfen, wo es nur geht. „Sie haben alles verloren, vor allem die Kinder verlieren plötzlich die Familie, das Zuhause und vielleicht den Lebenstraum“. Schon vor der langen Flucht konnten viele Kinder nicht zur Schule gehen, manche jahrelang keinerlei Bildung genießen – „das ist eine Katastrophe, denn Bildung ist der Schlüssel für alle Türen“.

Auch aus diesem Grund 
setzte er sich für einen frühen 
Unterricht ein: Kinder ohne 
geklärten Aufenthaltsstatus sind in den ersten Monaten meist noch nicht schulpflichtig, erhalten erst nach der Zuweisung, wenn sie aus der Erstaufnahme herauskommen, den vollen 
schulischen Zugang. Regulär 
sollte dies möglichst schnell der Fall sein, doch nach Erfahrung der Flüchtlingshilfe dauert der Bildungsstopp deutlich länger.

„Bis zu einem halben Jahr war gerade früher nicht außergewöhnlich“, weiß Flüchtlings-Koordinatorin Gudrun Fleck-Delnavaz. Mit ein Grund, warum das Portal Unterrichtskurse ins Leben rief. Al Yammaz meldete sich sofort als ehrenamtlicher Lehrer, koordiniert gemeinsam mit den Kollegen den Unterricht in Deutsch, Englisch und Mathematik.

Ganz besonders am Herzen liegt ihm der Nachhilfeunterricht für die Intensivklassen verschiedener Marburger Schulen. Da derzeit lediglich 18 Kinder im Camp leben, liegt der Bedarf bei den bereits zugewiesenen Flüchtlingen deutlich höher. „Das ist so wichtig, darauf konzentrieren wir uns vor allem“, sagt er.

Zeitaufwand wie für eine dreiviertel Stelle

Als Mathelehrer unterrichtet er sowohl auf Deutsch als auch auf Arabisch, neben der fachlichen Seite lernen seine Schüler zwischen sieben bis 16 Jahren so auch gleich die deutschen Begriffe kennen. 
Dabei erhofft er sich eine stärkere Zusammenarbeit mit den Schulen und dem Schulamt. „Eine Hand alleine kann nicht klatschen“, beschreibt er die Lage.

Er wünscht sich, dass mehr Schulen die ehrenamtlichen Lehrer in ihre 
Räume holen oder die Kinder der Intensivklassen nach Gisselberg schicken – per freiem Shuttlebus wäre das kein Problem. „Viele unbegleitete Jugendliche brauchen Mathenachhilfe“, sagt er. Und dafür zahlen die zuständigen Behörden auch Kurse – „wir machen das umsonst.“

Sein Ehrenamt bringt es alleine schon fast auf eine weitere Dreiviertel-Stelle, rund 24 Stunden in der Woche verbringt Al Yammaz beim ehrenamtlichen Unterrichten an der Schultafel, die zu seinem normalen Beruf noch hinzukommen. Die Zeit opfert der ambitionierte Lehrer gerne, „es ist einfach eine Herzensangelegenheit“.

Über die Unterstützung seiner Familie ist er froh, verbringt, so oft es ihm möglich ist, Zeit mit seiner Frau und den Kindern. Gemeinsam macht die Familie gerne Ausflüge, am liebsten zur Lochmühle, sein Großer liebt einfach die Achterbahn, verrät er. Ihr Leben haben 
sie sich in Marburg eingerichtet, dabei war ein langer Aufenthalt eigentlich nicht vorgesehen. Nach seinem Doktor plante Al Yammaz die Rückkehr nach Syrien.

„Deutschland ist das Heimatland meiner Kinder“

Doch die Familienpläne zerschlugen sich, ihre dortige Wohnung haben sie verloren: vor einigen Jahren schlug eine Rakete in das Wohnhaus ein und zerstörte das ganze Gebäude. Doch nicht nur die unsichere Lage in der krisengeschüttelten Heimat – auch eine persönliche Katas­trophe in Marburg führte dazu, dass er seine Umzugspläne änderte: Die Familie wohnte vor zwei Jahren im Hochhaus am Richtsberg 88, erlebte den Großbrand in dem Studentenwohnheim im Juni 2014 am eigenen Leib.

Der Familienvater weilte damals auf einer Auslandsreise, 
seine Familie gehörte zu den rund 300 Evakuierten. Dieses erschütternde Erlebnis habe die Kinder schwer mitgenommen, „es war einfach schrecklich“. Bis heute leiden sie unter den Folgen dieser Nacht.

Zudem wuchsen sein Drei-, Fünf- und Achtjähriger vor allem in Deutschland auf, kennen hauptsächlich dieses Leben. 
Aus ihrem Umfeld will er seine Kinder daher nicht reißen, „Deutschland ist das Heimatland meiner Kinder, Syrien ist meines“, sagt er offen.

Trotzdem änderte er zum Wohl seiner 
Familie den Lebensplan, auch wenn die Sehnsucht ihn zurück in sein Geburtsland zieht. Wohl fühlen sich allesamt trotzdem in ihrem neuen Zuhause, „Marburg ist eine so schöne Stadt – und auch hier kann ich so vielen helfen, gerade die Flüchtlingskinder brauchen mehr 
Unterstützung“, wünscht sich der ambitionierte Lehrer.

von Ina Tannert

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