Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Aus der Kirsche wird die Kirche

Das wäre mal Einer Aus der Kirsche wird die Kirche

Figuren aus der Antike begeistern den Künstler Micha Bartsch und beeinflussen viele seiner Werke. In Zeichenkursen sitzen bei ihm daher keine Menschen für die Teilnehmer Modell, sondern Aristoteles und Sokrates.

Voriger Artikel
Eine sehr gute Entscheidung
Nächster Artikel
Neues Leben auf dem Wasser

Micha Bartsch brennt für die Kunst. So drückt er auch Kunstdrucken seinen Stempel auf und macht aus einer Kirsche ein Bild der Elisabeth-Kirche im Sonnenuntergang.

Quelle: Patricia Graehling

Marburg. Im Atelier in einem der Altbauten in Marburgs Innenstadt riecht es nach Öl. Tageslicht erhellt die Räume und die vielen Bilder, die die Wände bedecken. Viele Leinwände stehen auf dem Boden, dazwischen sind Staffeleien. Irgendwo ist ein neues Kunstwerk am entstehen. In diesem Atelier arbeitet Micha Bartsch. Der 52-Jährige zeichnet und malt, manchmal bastelt er auch. Doch überwiegend sind es große, bunte Bilder mit großflächigen Motiven, die die Wände bedecken.

Da gibt es alte Kunstdrucke, die von Studenten nach dem Auszug im Haus zurückgelassen wurden.

Denen hat Bartsch sich angenommen und aus der Massenware individuelle Bilder gefertigt. Oft ist es die Elisabethkirche, die in verschiedenen Farben, manchmal auch nur mit ihren Türmen, manchmal abstrakter abgewandelt, auf die Leinwand kommt. Ein großer Druck mit einer großen Kirsche wurde dann eben zur Elisabethkirche, hinter deren rot strahlenden Türmen die Sonne versinkt. Auch eine alte Scheune im Feld hat Bartsch mit großer Kunstfertigkeit in eine Kirche gewandelt.

Neben den vielen Kirchtürmen und Marburger Motiven dominieren aber auch Bilder von antiken Skulpturen und von bekannten Gebäuden aus Berlin die Wände. Denn ursprünglich kommt Bartsch aus Berlin, kam der Liebe wegen nach Marburg. Die Liebe zu antiken Figuren hat er aber mitgebracht: In der Antiken- und Abguss-Sammlung im archäologischen Seminar der Philipps-Universität findet er Skulpturen von Aristoteles, von Sokrates oder weniger bekannten Griechen, Römern und Göttern. „Diese Sammlung ist vollständig erhalten und wunderschön“, sagt Bartsch fasziniert.

Er zeichnet sie gerne. Er bringt die Kunst aber auch anderen Menschen näher und gibt daher seit 2011 jeden Mittwoch - mit Ausnahme der Semesterferien - von 14.30 bis 16.30 Uhr einen Zeichenkurs in den Räumen der Abguss-Sammlung. „Es ist schön, wenn Leute mit neugierigem Blick und einem historisch-kulturellen Interesse dort zusammenkommen und zeichnen üben“, sagt Bartsch. Jede Woche ziehe er mit der Gruppe in einen anderen Saal der großen Sammlung. „Wer neu dabei ist, ist erst einmal erschlagen von der Menge der Skulpturen“, sagt der Künstler. „Mit der Zeit öffnet sich dann der Blick für einzelne Figuren oder Details.“ Kunstvolle Löckchen und reiche Faltenwürfe fielen den Malern erst beim Zeichnen der Figur richtig auf.

Die Details würden immer mehr. „Und schließlich wird auch die Botschaft deutlich, die sich immer auch in einem solchen Kunstwerk verbirgt“, erklärt der Berliner. Diesen Prozess bei seinen Zeichenschülern zu beobachten, finde Bartsch toll. Außerdem bliebe der Prozess und die Neugier nicht auf das Künstlerische beschränkt: „Die Menschen fangen an, sich mit der Skulptur zu beschäftigen und mit ihrer Geschichte.“ Sie würden recherchieren und mehr über die dargestellten Persönlichkeiten herausfinden. „Es ist nicht nur eine künstlerische Reise, sondern auch eine Bildungsreise.“ Daraus lerne auch Bartsch selbst. Er sieht den Kurs als Gewinn für alle Seiten: So bespricht er die Zeichnungen der anderen, gibt Tipps und Anregungen - und lernt selbst beim Beobachten und Zuhören dazu.

Kurse seit 2011

„Der Kurs hat auch viel mit mir zu tun. Denn ich mag die antiken Figuren und ich mag figürliches Zeichnen“, sagt Bartsch. Das lebe er auch neben dem Malen von farbenfrohen Bildern gerne aus. „Ich kann ja auch anderen Menschen in den Kursen nur das vermitteln, wofür ich selber brenne und lebe.“

So faszinieren den Berliner beispielsweise die Formen und Symmetrien, die sich überall im menschlichen Körper und in der Natur verstecken. „Der ganze Körper ist durchstrukturiert und die Natur teilt alles nach dem goldenen Schnitt auf. Die Natur ist auch ein Künstler.“ Und so lerne er über Formen, Muster, Proportionen von natürlichen Vorbildern. „Die Kunst ist ein komplexes Aneignen von Wissen über die Dinge, die uns umgeben“, erklärt er.

Bartsch bietet die Kurse seit 2011 an. Zuvor kam er auch schon als Kursleiter bei der Sommerakademie in die Stadt. Als seine Freundin schließlich schwanger wurde, zog er 2013 komplett nach Marburg - und fühlt sich hier wohl. „Marburg ist für mich wie der Prenzlauer Berg in Berlin“, sagt er mit seinem typischen Berliner Dialekt. „Der Anteil der Studenten, die Art der Menschen, die Anzahl der Ökoläden und die Diskussionen über Bio und Grüne Themen erinnern mich an diesen Stadtteil von Berlin.“

Bartsch brauchte übrigens mehrere Anläufe in seinem Leben, bis er seine Berufung als Künstler fand. „Ich habe zwar als Kind schon gemerkt, dass ich mit dem Buntstift sehr viel ausdrücken kann. Aber ich wollte eigentlich Pilot werden“, erzählt der Berliner. Dann sei ihm aber klar geworden, dass dies nur „Taxifahrer in der Luft mit einer hohen Verantwortung“ seien. Der Beruf habe wenig gemein mit dem Traum vom Fliegen und von Abenteuern.

Über seine Friseurin sei Bartsch dann irgendwann in einen Zeichenkurs geraten - und hängen geblieben. „Ich kam in einen produktiven Prozess und plötzlich war mir klar: Das will ich studieren und zu meinem Lebensinhalt machen.“ Dabei denke man während des Studiums nie darüber nach, ob man von seiner Arbeit auch leben könne. „Man brennt für die Kunst und nimmt allerhand auf sich. Aber eine gute, vermögende Partie wird man meistens nicht.“ Bartsch rät daher jungen Künstlern dazu, sich auch mit Pädagogik zu beschäftigen, um anderen Menschen die Kunst näher bringen und selbst Geld verdienen zu können. Neben Zeichenkursen arbeitet Bartsch etwa als Vertretungslehrer im Schulfach Kunst.

„Aber generell macht man Kunst, weil man etwas ohne Worte erzählen und den Menschen vermitteln will“, erklärt der 52-Jährige. Deshalb halte er auch nichts von langen Erklärungen von Kunstwerken in Ausstellungen: „Entweder ein Bild berührt einen - oder nicht. Jeder hat ein anderes Lebensgefühl und andere Erfahrungen. Davon hängt auch die Botschaft ab, die jemand in dem Bild entdeckt.“

von Patricia Grähling

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Mit der OP durch das Gartenjahr

Experten-Tipps von der ersten Saat bis zur letzten Ernte

In unseren Video-Beiträgen (oben) erklären die heimischen Direktkandidaten, warum sie nach Berlin in den Bundestag wollen. Wenn heute Wahl wäre, wen würden Sie wählen?

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr